Das Wunder Wirbelsäule


Das  Wunder beginnt  schon in den ersten Lebensmonaten.


Wir animieren den  Säugling  den Kopf zu heben und fragen uns nicht, wie er das wohl machen soll. Der Kopf ist im Säuglingsalter   schon sehr  groß. Das Gewicht  liegt bei  3,5 Kg.  Die Wirbelsäule aber ist so   weich,  dass sie allein schon  durch  vergrößerte Mandeln im Rahmen einer Mandelentzündung  regelrecht verbogen  werden kann. Müsste sie sich da nicht beim Heben des Kopfes  ebenfalls verbiegen?


Das macht sie auch. Doch gerade  diese erhöhte  Flexibilität der Halswirbelsäule  ist es, die es ihm ermöglicht den Kopf zu heben.  Was macht der Säugling,  wenn er den Kopf heben will? Er stützt die Arme auf der Unterlage ab  und drückt jetzt den Bauch   ruckartig   auf die   Unterlage, sodass die  Lendenwirbelsäule  nach vorn  gepresst wird (Hohlkreuzstellung).  Da der Säugling die Arme aufgestützt hat,  löst das  eine  Art Schaukelbewegung  aus.  Diese  Schaukelbewegung  wird über  die Halswirbelsäule  auf den Kopf übertragen. Auf Grund des relativ hohen Gewichtes des Kopfes  bedarf es mehrerer Schaukelbewegungen bis der Impuls  so groß ist,  dass er  am Kopf wirksam werden kann.  Der Kopf wird dabei  nach hinten geschleudert.   Da die Gewichtsproportionen des Kopfes  beim Säugling  deutlich verschoben sind , das heißt der  Hinterkopf  im  Säuglingsalter  deutlich schwerer ist,  wird durch das  Schleudern das Heben des  Kopfes  möglich.  Um den Kopf in dieser  Position zu  halten,  presst er   Bauch und Beine  fest auf die Unterlage.

Abb.1 Versuch den Kopf zu heben bei einem 2 Monate alten Säugling

Typische Haltung : Beine werden auf die Unterlage gepresst, Arme zur Abstützung angewinkelt


Diese Schneppbewegung  erfolgt  nur mit geringen   muskulären  Kräften.
Von diesem Mechanismus, Bewegungen mit  nur sehr geringen Muskelkräften auszuführen,  ist auch im   Erwachsenenalter   etwas erhalten geblieben. 
Betrachtet man einmal   die Belastbarkeit  der   Halswirbelsäule  näher, so ist man erstaunt über die vielen kleinen Bewegungen unseres Kopfes, die wir unbewusst beim Sprechen oder beim Bewegen  ausführen.  Man   rechnet mit etwa 250  Nick- und Drehbewegungen pro Tag. Müsste das allein nicht schon zu  Nackenverspannungen führen? Da wir aber noch eine Vielzahl  Bewegungen von größerem Bewegungsumfang  vornehmen, müsste fast jeder Mensch Nackenschmerzen aufweisen. 
Doch wir verfügen über Kompensationsmechanismen,  die in Abhängigkeit von der entsprechenden Körperhaltung  das  Zusammenspiel von  Muskeln  und Bändern ermöglichen.
So wird bei aufrechter Körperhaltung für das Halten des Kopfgewichtes keine Kraft benötigt.
Leonardo  da Vinci hat die Halswirbelsäule noch  1580  trotz anatomischer Studien in gestreckter Haltung dargestellt.

Abb.2 Halswirbelsäulenskizze nach Leonardo da Vinci (entnommen aus Traumatologie der Wirbelsäule von Prof. M. Schneider ,Verlag Gesundheit 1990)

 

Vor der Röntgenära  waren die Anatomen  der Ansicht, dass  unsere Halswirbelsäule eine gestreckte jedoch  leicht gekrümmte Stellung nach vorn aufweist.  Erst durch die  Möglichkeit, die Wirbelsäule zu röntgen (  Sudeck 1902), erkannte man, dass  die Halswirbelsäule viel stärker   gekrümmt ist.  Diese Krümmung  wird jedoch erst durch das Gewicht des  Kopfes verursacht. Die  Halswirbelsäule wird dadurch   vorgespannt. Diese  Stellung wird durch die  normale Spannung  der  Nackenmuskulatur gehalten. Beim  Nachlassen  der Spannung  springt   die Wirbelsäule in die ursprüngliche Stellung zurück  (siehe Abb.2b).  Dank dieses  Mechanismus können wir  die Vielzahl der kleinen Bewegungen ohne Kraftaufwand  vornehmen,  ohne Nackenschmerzen zu bekommen.  Dieser Mechanismus wirkt nur bei aufrechter Kopfhaltung.  Erschlafft die Nackenmuskulatur wie beim Schlafen im Sitzen, so  muss man ständig gegen das Absinken des  Kopfes ankämpfen

Abb. 3a  Schema der HWS in Vorspannung Abb. 3b  Bewegung des Kopfes  normal (dunkel) 
Stellung beim Vorschieben ( Umriss)

Dieser  Mechanismus, ohne Muskelkontraktionen  Bewegungen auszuführen,  funktioniert leider nur bei kleineren Bewegungen. Doch hilft  eine   aufrechte Körperhaltung stets  dabei,  Kraft zu sparen und  die Wirbelsäule   weniger  zu belasten.    Die besten Verhältnisse bestehen, wenn die Haltung  der Wirbelsäule sich der Neutralstellung  annähert.  Das Schwerelot läuft  dann vom  äußeren  Gehörgang  über die Vorderkante des 7. Halswirbels  und die Vorderkante des 1. Sacralwirbels bis zum Außenknöchel. Bei einer solchen Haltung  ist die Wirbelsäulenbelastung am geringsten. Es kommt also, wie immer, auf die Haltung  an, die wir einnehmen. Darauf sollten wir auch achten, wenn wir am Schreibtisch sitzen.  Beim Vorbeugen von nur  4 cm wird die  Wirbelsäule um 20 kg zu viel belastet und die Nackenschmerzen sind  vorprogrammiert.

Abb.4 Sitzposition
Schwere bzw. geringe
Wirbelsäulenbelastung       
modifiziert nach Brügger,  (1990, Zürich)

Doch zurück zur Halswirbelsäule . Das  hohe,  die  Halswirbelsäule belastende Kopfgewicht würde zu  einem  vorzeitigen Verschleiß führen. Durch ein  elastisches Puffersystem im Bereich des  zweiten   Halswirbels (Prof. M. Schneider 1980) ist die Wirbelsäule jedoch abgesichert.

Abb.5  Struktur des 2. Halswirbels mit Puffersystem
(Prof. M. Schneider, 1990)

Mit Knochenmark  gefüllte Höhlen  fangen  elastisch das Kopfgewicht ab (Prof. M. Schneider, 1990). Dieses elegante System scheint  bei der Entwicklung des Stoßdämpfers  Pate gestanden zu haben. Aber auch an  den anderen Wirbeln ist ein System   zur Pufferung der  Belastung erkennbar.

Abb.6 Pufferhöhlen unterhalb der Wirbelbogengelenke
a) Pufferhöhlen  (Struktur)           b)    Pufferhöhlen ( Knochenmark) bei Druckbelastung

Die Hauptbelastung  der Halswirbelsäule hat der  6. Halswirbel abzufangen. Der Wirbel ist nur 2 cm hoch  und weist 3 unterschiedliche  Querschnittsformen  auf.  Diese Querschnittsänderung ist  als geniale Anpassung an die  dort  vorliegende Belastungen zu sehen.


Abb.7a Seitliche Aufnahme des 6. Halswirbels Abb.7b Querschnittsformen des Wirbels
(Entnommen aus Traumatologie der Wirbelsäule (Prof. M. Schneider, Verlag Gesundheit, 1990)

Betrachtet man die seitliche  Aufnahme des 6. Halswirbels , so erkennt man, dass er  eine sogenannte Sollbruchstelle aufweist,  d.h. eine bereits  angelegte  schwächere  Zone, die im Falle einer Verletzung zuerst nachgibt um Schlimmeres zu verhüten. So wird die Gefahr für  Bandscheiben- oder Rückenmarkschädigungen   bei einem Wirbelbruch  eingeschränkt
(Prof. M. Schneider 1990).

 

Wie arbeiten eigentlich unsere Bandscheiben?

Die Bandscheiben dienen zum Abfangen der Belastung und deren Verteilung. Die unterschiedlichen Belastungen werden auch durch die Krümmungen der Wirbelsäule abgefangen.  Die Bandscheiben übernehmen dabei die Verteilung der einwirkenden Kräfte. Sie   bestehen  aus  einem Faserring, der lamellenartig    zusammengesetzt ist. Die einzelnen Lamellen weisen eine  Faserrichtung von 45°  zueinander auf  und  werden durch  einen in der Mitte gelegenen   elastischen Kern (Nucleus pulposus) gesteuert. Die Lamellen sind gegeneinander verschiebbar und können so  unterschiedliche  Kräfte aufnehmen und verteilen. Der  Kern (Nukleus)  der Bandscheibe weicht der einwirkenden Kraft aus und drückt dabei  die Lamellen  zusammen, die sich miteinander verzahnen.
Bei extremer Belastung können sie   so miteinander verspannt werden, dass sie in Richtung  des Rückenmarks  einen sicheren  Randwall bilden.   Die Schädigung des Faserringes beginnt immer früher. Von einigen Untersuchern ( Putz und Müller-Gerbl, 2008) wurden  bereits im 30. Lebensjahr  regressive Veränderungen gefunden.

Abb. 8  Bandscheibenstruktur
a)  die einzelnen Lamellen im Ruhezustand           b) Einseitiges Zusammenpressen der Lamellen  bei Belastung

Der Kern weicht der Belastung aus und presst dabei den Faserring einseitig zusammen. Der Faserring wird dadurch in diesem Abschnitt verfestigt (veriegelt ) und kann einen erheblich höheren Druck aufnehmen , sodass das Rückenmark nicht in Gefahr gerät.

c) Bandscheibe auf den Wirbel fixiert

Zu  einem Bandscheibenvorfall   kommt  es immer dann, wenn der Faserring  dem Druck nicht standhalten  kann und einreißt.  Je nachdem wo die Schädigung liegt,  können Nervenwurzelschäden  oder Schäden im Rückenmarksbereich eintreten.  Die sogenannten Protrusionen sind Vorwölbungen,  jedoch ohne nachweisbaren Riss des Faserringes.


Können sich Bandscheibenvorfälle  ohne Operation wieder regenerieren?

 

Die Diagnose Bandscheibenvorfall sollte immer ernst genommen werden. Treten neben den Rückenschmerzen auch Schmerzen oder Missempfindungen im Bein auf, sollte man immer an einen Bandscheibenvorfall denken und sich von einem Arzt beraten lassen. Im Lendenwirbelbereich ist eine echte Rückbildung nicht bekannt. Trotzdem müssen nicht alle Bandscheibenvorfälle offen operiert werden, da heutzutage auch andere Verfahren zur Verfügung stehen. Liegen Gefühlsstörungen oder Schmerzen im Bein vor, so ist zu entscheiden, ob durch das Anspritzen der Nervenwurzel unter dem Computertomographen (PRT) nicht Abhilfe geschaffen werden kann. Für die Behandlung der Rückenschmerzen aber ist das Anspritzen nicht geeignet, da es speziell auf die Nervenwurzel ausgerichtet ist. Meist ist überhaupt keine oder nur eine kurzzeitige Besserung erreichbar. Zur Behandlung der Rückenschmerzen sind andere Therapien erfolgversprechender. Neben den bekannten physiotherapeutischen Maßnahmen haben sich besonders die wenig belastenden mikroinvasiven Verfahren bewährt. Die Entscheidung sollte den Spezialisten vorbehalten bleiben.

Im Bereich der Halswirbelsäule wird dagegen relativ häufig eine Rückbildung von Bandscheibenvorfällen beobachtet. Man sollte daher mit den üblichen Versteifungsoperationen zurückhaltend sein. Wir wissen noch nicht, wie diese Rückbildung vor sich geht. Wir wissen aber, dass es dringend notwendig ist, die statischen Bedingungen der Wirbelsäule zu verbessern, um die Voraussetzungen für die Rückbildung zu schaffen. Durch einen kleinen mikroinvasiven Eingriff erreicht man Schmerzfreiheit und schafft die dafür erforderlichen günstigen statischen Bedingungen.

 

Was hat es mit der S-förmigen Krümmung der Wirbelsäule auf sich?

 

Die S-förmige Krümmung der Wirbelsäule bildet sich während des Kindesalters heraus. Die Krümmungen unterliegen ständigen Veränderungen und werden im Kindesalter ausgeformt. Fehlerhafte Krümmungen, besonders die seitlichen Verbiegungen (Skoliose) sind meist angeboren. Hier sollte ein Spezialist zu Rate gezogen werden. Die S-förmige Krümmung ermöglicht es unserer Wirbelsäule auszuweichen und hohe Belastungen abzufangen. Sie ist für die Funktion der Wirbelsäule extrem wichtig. Selbst Teilversteifungen können schon Einschränkungen der Wirbelsäulenfunktion verursachen, und an anderen Stellen der Wirbelsäule Schäden zur Folge haben.

 

Welche Aufgabe hat die Muskulatur der Wirbelsäule?

 

Wenn wir das Wort Muskulatur hören, denken wir immer an Bewegung. An der Wirbelsäule sind die Bedingungen jedoch viel komplizierter. Die Wirbelsäule besitzt eine Haltemuskulatur und wird gleichzeitig durch eine Systemverspannungsmuskulatur beeinflusst. Die Haltemuskulatur dient in erster Linie der Stabilisierung der Wirbelsäule in aufrechter Haltung und zur Sicherung aller Wirbelsäulenpositionen bei der Vorbeuge, Drehung oder Seitwärtsbeuge. Um in diese Positionen zu kommen, muss die Kontraktion der Haltemuskulatur nachlassen. Die Wirbelsäule kann jetzt durch die Schwerkraft und durch Kontraktion der Muskelgruppen im vorderen Körperbereich in Position gebracht werden. Um die Position zu halten, muss die Anspannung der Haltemuskulatur wieder zunehmen. Bei weiterer Verstärkung der Anspannung richtet sich die Wirbelsäule auf. D.h., die Haltemuskulatur ist im Wesentlichen eine Streckmuskulatur. Sie setzt sich aus vielen Einzelmuskelgruppen mit unterschiedlichen Teilfunktionen zusammen, die bestimmten Gleichgewichtsbedingungen unterliegen. Für die Funktion der Wirbelsäule ist eine gut funktionierende Haltemuskulatur unbedingt erforderlich. Neben der Haltemuskulatur wird die Funktion der Wirbelsäule durch ein kompliziertes funktionelles Verspannungssystem beeinflusst. Bennighoff vergleicht es mit der Verspannung eines Schiffsmastes, wobei die Wirbelsäule der Mast ist, der an Deck, d.h. bei unserem Vergleich im Becken verankert ist. Die zur Verspannung wichtigen Seilzüge sind dabei die Muskelzüge. Diese Art der Interpretation zeigt die große Bedeutung der Wirbelsäulenmuskulatur allein schon bei der Aufrechterhaltung der Statik. Wenn nur ein Muskel eine Störung aufweist, so müssen zur Erhaltung des Gleichgewichtes alle anderen Muskelzüge nachgestellt werden. Im Lehrbuch der Anatomie Bennighoff-Drenckhahn ist nachzulesen: "Jede Änderung eines Gliedes innerhalb des Systems Rückenmuskulatur - Becken - Wirbelsäule - Rippen bedingt eine Neuregulierung aller anderen Anteile (Putz und Müller-Gerbl)." Dies zeigt die Komplexheit des Systems. Es zeigt aber auch die große Möglichkeit, durch Wiederherstellung des Regelmechanismus Muskulatur die Wirbelsäulenschäden zu kompensieren. Genau an dieser Stelle setzt die mikroinvasive Wirbelsäulenchirurgie ein. Bandscheibenschädigungen oder degenerative Wirbelgelenkserkrankungen werden nicht allein durch mikroinvasive Behandlung des geschädigten Wirbelsäulensegmentes, sondern auch durch die gezielte Behandlung des miterkrankten Muskelsystems der Haltemuskulatur und der Muskulatur des übergeordneten Verspannungssystems versorgt. Die Behandlung der Muskulatur muss bereits Teil des Eingriffs und nicht erst der Nachsorge sein. So häufig hört man Patienten verständnislos sagen: "Meine Wirbelsäule soll krank sein, dabei habe ich die Schmerzen gar nicht in der Wirbelsäule, sondern neben der Wirbelsäule und im Gesäß." Diese Schmerzen sind Zeichen dafür, dass die Muskulatur den Wirbelsäulenschaden nicht mehr kompensieren konnte und nun selbst krank geworden ist. Die Ausheilung dauert ohne mikroinvasive Behandlung meist sehr lange. Andere Muskelgruppen müssen die Arbeit mit übernehmen und werden ihrerseits überlastet und so wird eine Muskelgruppe nach der anderen geschädigt. Will man die Störung gezielt behandeln, muss man die Reaktion des muskulären Verspannungssystems des Patienten analysieren. . Die Reaktion ist leider bei den einzelnen Patienten sehr unterschiedlich. So liegen nicht nur zwischen Mann und Frau erheblich Unterschiede vor, sondern auch bei unterschiedlichen beruflichen Belastungen, die wiederum in Abhängigkeit von der Körperstatur und den vorliegenden muskulären Voraussetzungen unterschiedlich abgefangen werden. Es verlangt große Erfahrungen, um diese individuelle Fehlstatik zu analysieren. Da es sich um ein Verspannungssystem handelt, reicht es nicht  aus, nur einen Teil der gestörten Muskulatur zu operieren, denn das Übersehen von nur einer kleinen gestörten Muskelgruppe macht den Erfolg der gesamten Behandlung zunichte. Bisher konnten wir 7 unterschiedliche Reaktionsmuster ermitteln, aber auch 4 Zwischenreaktionen. Doch noch immer bedarf es der Erfahrung des Operateurs, die Störungen in ihrer Gesamtheit zu erkennen. Röntgenologisch ist dies gegenwärtig noch nicht möglich. Wir arbeiten intensiv mit einem der erfahrensten Radiologen unseres Landes, Herrn Prof. Dr. Dr. Felix, ehem. Direktor der Radiologischen Klinik der Charite, zusammen, um durch Untersuchungen mittels MRT Zeichen für diese Störungen zu erfassen.  Es wird jedoch noch einige Zeit dauern, um die Erkenntnisse, die wir durch über 20 Jahre lange klinische Arbeit erworben haben, durch apparative Diagnostik sichtbar machen zu können.

Wie verhält es sich nun mit der Verankerung der Wirbelsäule im Becken ?

Der von Benninghoff getroffene Vergleich des Beckens mit dem Deck eines Schiffes bedarf der Korrektur. Die Wirbelsäule ist über das Kreuzbein mit dem Becken verbunden und durch Bänder fixiert. Es findet sich hier eine in der Technik nicht bekannte Aufhängung. Erwartet würde eine Aufhängung über ein elastisches Band, doch diese Verbindung wird durch starre Bänder gehalten. Dass die Verbindung trotzdem elastisch wirkt, liegt an dem Zusammenspiel der Bänder mit einer in 45 Grad dazu wirkenden Muskulatur. Nach unseren Untersuchungen können die Bänder mithilfe der Muskulatur unterschiedlich gespannt und somit flexibel der Belastung angepasst werden. Der große Vorteil liegt darin, dass zwar ein elastisches Band überdehnt werden kann, nicht aber ein starres. Das heißt, die Aufhängung kann im Laufe des Lebens gestört werden, bleibt aber funktionstüchtig, da sie vor extremer Überdehnung geschützt ist. Neben der oberen Aufhängung wird die Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken noch durch eine untere Aufhängung gesichert, die nach dem gleichen Bandspannungsprinzip arbeitet. Es gibt auch dort Muskelstränge, die diese besondere Funktion übernehmen.

Im Bereich der Aufhängungen setzt der nächste Abschnitt der Behandlung ein. Diese für die Straffung der Bänder erforderlichen Muskeln unterliegen im Laufe des Lebens ebenfalls der Gefahr einer Überlastung einzelner Muskelstränge. Die Veränderungen müssen genau erfasst und dann Millimeter genau behoben werden . Bei einiger Erfahrung ist das mikroinvasiv problemlos machbar. Nur so ist das Zusammenspiel zwischen den spezifischen Muskelsträngen und den Bändern für einen langen Zeitraum zu sichern.

Lohnt es sich überhaupt noch im Alter solche Eingriffe zu machen, da wir doch sowieso mit zunehmendem Alter steif werden?

Ziel der mikroinvasiven Behandlung ist die Gewährleistung der sofortigen Schmerzfreiheit und erheblichen Verbesserung der Wirbelsäulenbeweglichkeit. Überall dort, wo unser Körper gefordert wird, baut er an, und überall dort, wo er nicht gefordert wird, baut er ab. Das gilt ins besondere für die Muskulatur. Die für die Stabilität der Wirbelsäule so wichtige Haltemuskulatur sieht meist schon im mittleren Alter schlimm aus. Die weißen Bereiche zeigen die stark rückgebildete Haltemuskulatur infolge mangelhafter Bewegung.

Abb. 9    Haltemuskulatur

 

a) zeichnerische Darstellung                                                      b)  CT - Aufnahme/regelr. Musk.

entnommen aus Benninghoff-Drenckhahn, Anatomie Bd 1, Urban&Fischer, 2008

c) MRT - Aufnahme erheblicher Muskeldefekte

 

Welche Auswirkungen die Bewegungsmuffelei auf unsere Wirbelsäule hat ist in einem Vergleich zwischen Menschen vor 300 Jahren und heute abzulesen.

Geistig haben wir uns bewegt und daher auch an Kapazität zugenommen. Wie aber ist es mit der Wirbelsäule? Den täglichen Belastungen ist sie schon gewachsen , nur nicht höheren Belastungen. Diese Kompensationsfähigkeit müssen wir uns erarbeiten. Dazu dient das Muskelaufbautraining.

Die Stabilität der Wirbelsäule hängt wesentlich von einer guten Wirbelsäulenhaltemuskulatur ab. Wenn sie eine Zeit lang nicht trainiert wird oder nur vermindert gefordert war, scheinen wir sie nicht zu brauchen und unser Körper baut die Muskulatur ab. Wenn sie aber dann wieder gebraucht werden sollte, reicht die Muskelkraft nicht aus und die Wirbelsäule nimmt Schaden. Betrachtet man die Wirbel von Menschen vor 300 Jahren, so zeigt sich, dass damals eine hohe Stabilität der Wirbelsäule zum Überleben wichtig war .

Abb. 10 5.Lendenwirbel (300 Jahre alt)

Muskulatur und Form des Wirbels waren dem angepasst. Der Abschnitt des Wirbelbogens, an der die Wirbelsäulenhaltemuskulatur ansetzt, ist viel stärker ausgeprägt als bei uns und auch die Gelenkflächen der Wirbelbogengelenke sind anders. Sie sind massiver und viel stärker gekrümmt, sodass höhere Scherkräfte abgefangen und Bandscheibenschädigungen vermieden werden konnten. Nur dadurch war es unseren Vorfahren möglich, Schwerter aus der Drehung zu schwingen, die wir kaum in der Lage sind anzuheben.

Besonders auffällig sind die Unterschiede in der Größe des Dornfortsatzes unserer Wirbel. Es ist der Bereich, an dem die Bänder der Wirbelsäule ansetzen. Die Stabilität der Wirbelsäule wird durch Haltebänder und Muskulatur gesichert. Lässt die Muskelleistung nach, versucht der Körper einen Teil der Stabilität durch Verstärkung der Bänder zurückzugewinnen. Im Laufe der Entwicklung haben sich so Veränderungen an den Ansätzen der Bänder herausgebildet. Sichtbar ist dies an den vergrößerten Dornfortsätzen.

 

Während bei unseren Vorfahren durch die gute Muskulatur die Bewegung auch bei schwerer Belastung gesichert werden konnte, blieb unserem Körper nur die Möglichkeit durch eine Anpassung der Haltebänder und des Dornfortsatzes eine Teilleistung zu erhalten.

vor 300 Jahren und  heute

Abb.11 Vergleich der Strukturen des 5.Lendenwirbelkörpers

Wie schnell unsere Wirbelsäule auf mangelhafte Belastung reagiert, zeigte sich bei den Astronauten. Schon nach 6 Wochen Schwerelosigkeit begannen die Probleme. Bei der Rückkehr auf die Erde war die Wirbelsäule nicht mehr der Belastung gewachsen und es kam gehäuft zu Frakturen. Erst durch ein tägliches Trainigsprogramm von 6x20 Minuten konnte das verhindert werden.

Was können wir gemeinsam erreichen?

Man könnte auch fragen : „Was erwarten wir vom Leben?“ Als Wirbelsäulenspezialist hört man täglich den Satz: „Meine Lebensqualität ist doch durch meine Wirbelsäulenbeschwerden erheblich gesunken. Ich kann nicht mehr weit laufen und habe starke Schmerzen.“

Sind wir diesem Alterungsprozess wirklich ausgeliefert?

Natürlich spielt der Wasserverlust des Gewebes mit zunehmendem Alter eine große Rolle, und natürlich schränken die Bandscheiben ihre Funktion ein.

Aber was dann? Zunehmende Versteifung? Kann da wirklich nur ein Wunder helfen?

Wir haben bei Nachuntersuchungen von Patienten, bei denen vor 8 Jahren ein mikroinvasiver Eingriff vorgenommen wurde, festgestellt, dass viele Patienten eine gute Beweglichkeit und Schmerzfreiheit aufwiesen. Röntgenologische Kontrollen zeigten bei einigen dieser Patienten, dass die Beweglichkeit über neugebildete Gelenkstrukturen ablief. Wir fanden zwei unterschiedliche Gelenkformen (assistierende Gelenke ). Da sich das schwer aussprechen lässt, tauften wir sie Ass1- und Ass2-Gelenke. Nähere Untersuchungen zeigten, dass der Körper bereits Randzacken (Knochenanwüchse) ausgebildet hatte, um den Versteifungsprozess einzuleiten. Es ist anzunehmen, dass durch den von uns durchgeführten mikroinvasiven Eingriff Stabilität und Bewegung wieder möglich waren, sodass der Körper die Versteifung nicht mehr brauchte, um zu existieren, und dass die bereits vorhandenen Randzacken zu Gelenkstrukturen umgebildet werden konnten.

Die von uns vorgenommene Aktivierung des Muskelsystems lässt hoffen, dass die neu erlangte Bewegungsfähigkeit auch genutzt wird. Dazu reicht neben den Bewegungen des Alltags schon die Durchführung einer individuell auf das Muskelsystem des Patienten abgestimmte Gymnastik von 2X15  Minuten pro Tag. Was dadurch erreicht werden kann, ist begeisternd. Eine schmerzfreie Bewegung bei mittlerem bis gutem Bewegungsausschlag ist wieder möglich. Wir haben festgestellt, dass selbst in fortgeschrittenem Lebensalter der Kompensationsmechanismus Muskulatur aktivierbar ist und eine schmerzfreie Bewegung erzielt werden kann.

Abb.12 neu gebildete Gelenkstrukturen (8 Jahre nach mikroinvasiver Behandlung)

 

Beweglichkeit auch noch 8 Jahre nach dem Eingriff

Abb 13 Beweglichkeit der Wirbelsäule nach mikroinvasivem Eingriff

Diese bis ins hohe Alter vorhandene Kompensationsfähigkeit und die Bildung neuer Gelenkstrukturen sind es, was wir nahezu als Wunder betrachten.

 


 


 

 
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