Rückenmuskulatur  -  Welchen Stellenwert besitzt sie für ihr Leben?

Mit dem Wort Muskulatur verbinden wir gedanklich immer die Bewegung

Doch die  Rückenmuskulatur dient nicht nur der Bewegung, sie dient im Besonderen  der Aufrechterhaltung der  Stabilität unserer Wirbelsäule   Die so genannte autochthone Muskultur bildet die eigentliche Haltemuskulatur. Sie wird in ihrer Funktion durch die nicht autochthone ergänzt. Nach dem 40. Lebensjahr nimmt die innere Stabilität der Wirbelsäule, die  vorwiegend an die Funktiionsfähigkeit  der Bandscheiben gebunden ist, ab und muss mehr und mehr  durch die Muskulatur ersetzt  werden. Das bedeutet eine ausreichende  Muskulatur ist für die Erhaltung unsere Wirbelsäulenfunktion unerlässlich. Die  Muskulatur  der Wirbelsäule besteht aus einem  System  sich verspannender Muskelstränge,  unfassbar, dass es Schaden erleiden könnte. Doch ein jahrelanges falsches  Verhalten schafft das scheinbar Unmögliche. Der Begriff Raubbau drängt sich auf.  Wir nehmen und nehmen, ohne zu geben. Doch  keiner fragt uns danach,  ob wir uns das  Unmögliche vorstellen können. Wir  werden damit konfrontiert und müssen eine Lösung  für uns finden, sonst gehen wir unter.

Wenn wir die Frage des Muskelaufbautrainings diskutieren,  ist es somit  keine Frage des Wollens sondern des Müssens; bei Strafe des sich über den Tag Quälens. Aber ist es nicht eher  eine Frage des Glücks, dass wir die Chance haben, diese Störungen in den Griff zu bekommen und dass unsere Muskulatur bis ins hohe Alter trainierbar ist? Natürlich muss der ältere Mensch auf Grund seiner Stoffwechsellage mehr üben, doch es ist von Erfolg gekrönt und wir kennen viele Beispiele, in denen 70- 80-jährige  Patienten mit schwersten Wirbelsäulenschäden aus der scheinbar aussichtslosen Situation ihres Lebens ein lebenswertes Leben gemacht haben. Sehr  oft hören wir  als Wirbelsäulenspezialisten den Satz:„Wissen Sie eigentlich, wie stark meine Lebensqualität  durch die Wirbelsäulenschmerzen eingeschränkt ist?"  Wir wissen es, doch Sie  haben es selbst in der Hand. Wenn  Sie etwas vom Leben erwarten, müssen Sie auch  etwas dafür tun. Leben ist Bewegung. Wenn Sie meinen, Sie brauchen das nicht mehr, dann sollten sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn ihr Herz genauso reagieren würde.

Wie wirkt unsere Wirbelsäulenmuskulatur?

Die Muskulatur ist in den verschiedenen Abschnitten unserer Wirbelsäule unterschiedlich angelegt und ermöglicht somit auch einen unterschiedlichen Bewegungsablauf und -umfang. So ist zum Beispiel die Drehbewegung im Bereich der Halswirbelsäule größer als im Lendenwirbelbereich. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht kann mit der Rückenmuskulatur nicht der gesamte Umfang der Wirbelsäulenbewegung ausgeführt werden, sondern sie dient überwiegend der Streckung, also der Aufrichtung, der Wirbelsäule. Eingeschlossen darin ist das Halten der Wirbelsäule  bei verschiedenen Köperhaltungen und  Drehungen.  Die eigentliche  Beugung erfolgt durch den Muskulus iliopsoas, durch die Schwerkraft und die Bauchmuskulatur.  Bei der Beugung wird  durch  allmähliches Nachlassen der Aktivität der  Haltemuskulatur (autochthonen Muskulatur) die Bewegung freigegeben. Das erfolgt nicht auf einmal, sondern  in einer Folge - ein Wirbelsäulensegment nach dem anderen. Nur so kann  die Stabilität der Wirbelsäule unterhalb der Knickung erhalten bleiben. Die Bewegung der Wirbelsäule ist somit ein Summationseffekt von Segmentbewegungen, wobei jedes Segment nur eine begrenzte Bewegung zulässt. Es wird durch eigene Muskelgruppen und Bänder zusätzlich zu den großen Muskelsträngen gesteuert. Um die Segment- Muskelstränge  bei der Beugung vor  Überdehnung zu schützen, existiert hier ein  in der Technik kaum bekanntes Sicherheitssystem. Das Freigeben der Beugebewegung erfolgt  durch kontinuierliches  Nachlassen der Segmentmuskulatur. Ist die endgültige  Ausdehnung erreicht, so wird sie durch nichtelastische Bänder gesichert. Diese nichtelastischen Bänder sind dann voll entfaltet und lassen keine weitere Aufspreizung der Wirbelsegmente mehr zu. So  kann eine Überdehnung der Muskulatur und des Segmentes  verhindert werden. Der Bereich der einzelnen Wirbelsäulensegmente  ist deswegen so wichtig, weil eine Kette nur so stark  sein kann wie ihr schwächstes Glied.  Thomas W. Myers (2001)  weist in seinem Buch“ Anatomy Trains“ (herausgegeben vom Churchill Livingstone -Verlag)  auf die Wichtigkeit des  funktionellen  Zusammenspiels der unterschiedlichen Muskelgruppen dieser Region hin.

Und im Lehrbuch der Anatomie von Benninghoff-Drenkhahn, Band 1, (Verlag Urban und  Fischer  S.455, 2008) ist zu lesen:“Die maßgebliche Wirkung der tiefer gelegenen kleineren Muskelbündel des transversospinalen Systems liegt zweifellos in der Feinsteuerung der Beweglichkeit ( Joint play) benachbarter Wirbel, sie wirken darüber hinaus als aktive Bremse beim Erreichen der Endstellung verschiedener Bewegungen und sichern eine günstige Druckübertragung in den Bewegungssegmenten.“

Genau hier ist die Schwachstelle unserer Wirbelsäule, und genau hier ist  auch der Ansatz für eine funktionelle Behandlung. Wir sehen bei mikroinvasiven Eingriffen eine Vielzahl Veränderungen  der tiefen Muskulatur bis zu  Fibrosierungen.

 

Abb. 1 CT eines 54 jährigen Pat. mit extremen Rückenschmerzen

Dargestellt ist  das muskuläre Defizit,  erkennbar an dem hellen Bereich

 

Es ist die dem Wirbelbogen aufliegende Muskulatur  der Wirbelsäule,  die wir behandeln müssen, um die Wirbelsäule wieder aktivieren zu können.

Die zweite Schwachstelle  liegt im Bereich des Eintritts unserer Wirbelsäule in das Becken. Nach unseren Untersuchungen sind  zwei Beckenaufhängungen zu  unterscheiden. Die obere ist  in der Funktion  des Ligamentum  iliolumbale zu sehen. Das Band kann über die Glutealmuskulatur -  vorwiegend dem  M.gluteus medius -  in einen stärkeren Spannungszustand versetzt werden.

Die untere Aufhängung erfolgt  über die Spannung des Ligamentums sacrospinale. Sie wird gesteuert  vom M. gemellus superior und  über die Spannung des Ligamentum  sacrotuberale,  welches vom M. quadratus femoris beeinflusst wird.

Wo müssen wir anfangen, wollen wir unsere Wirbelsäule wieder frei bekommen?

Eine Gymnastik unter chronischen  Schmerzen ist wenig sinnvoll. Da die Schädigung  im Muskelansatz liegt, ist physiotherapeutisch wenig zu verbessern.  Es müssen daher zuerst die Ursachen für die Schäden und dann die Schäden in der Muskulatur selbst behoben werden. Es kommt immer wieder die Frage:„Warum reicht es nicht aus, die Schäden im Bereich der Wirbelsäule  zu beseitigen?" Es ist wie mit einem Brand, der durch ein defektes elektrisches Kabel  ausgelöst wird.  Das Kabel entspricht dabei  dem eingeklemmten Nerv.  Wird nur  das Kabel repariert,  brennt es weiter. Wird nur der Brand gelöscht, brennt es in kurzer Zeit erneut.  Mit einem mikroinvasiven  Eingriff  können sowohl die Ursache, als auch die Folgen der Schädigung gezielt behandelt werden. Es geht dabei nicht nur um die Muskulatur an sich, sondern auch um den gesamten Komplex der muskulären Fehlverspannungen.  Zuerst muss die Tiefenmuskulatur behandelt werden, dann die Steuerungsmuskulatur der Aufhängungen, und  erst wenn diese wieder frei arbeitet, erfolgt die Behandlung  der Muskulatur des Systems der Stützmuskulatur.

Wenn das System nun wieder intakt ist, sollte  man eine Woche abwarten und erst dann  die  Gymnastik  beginnen.  Sie sollten die Gymnastik exakt  lernen, denn sie wollen doch keine Übungen machen, die erneut Schäden an der Wirbelsäule  verursachen können.

Beginnen sollte man damit, falsche und krankmachende  Bewegungsabläufe  zu erkennen und zu berichtigen. Es ist leichter neue Übungen zu erlernen, als sich falsche und bereits geprägte abzugewöhnen.  Dann muss  die Korrektur der Körperhaltung  erfolgen. Das Vorschieben des Kopfes und das Nachvornziehen der Schultern sind dabei die häufigsten Fehlhaltungen und haben schwere Nacken und Schulterschmerzen zur Folge. Die Mutter sagt zu ihrem Kind:"Sitzt gerade", wer aber sagt der Mutter, wie sie sitzen sollte. Es nützt die beste Wirbelsäulengymnastik nichts, wenn danach  wieder Fehlhaltungen eingenommen werden. Die Haltungsschule hat daher einen hohen Stellenwert.

Die Übungen sollten individuell  abgestimmt  und an dem jeweiligen  Muskelstatus ausgerichtet sein. Die Beurteilung des Muskelstatus kann durchaus problematisch sein. Eine krankhafte Dauerkontraktion kann das Bild einer guten Muskulatur vortäuschen. Und da im Bereich der Brustwirbelsäule die Muskulatur meist weniger schmerzempfindlich ist, hilft häufig erst der Nachweis einer erhöhten Konsistenz des Muskels weiter. Durch eine funktionelle Prüfung kann der Befund erhärtet werden.

Das  Training muss so gestaltet werden, dass ein vorhandenes Defizit ausgeglichen werden kann.

 

Abb. 2 Unverändertes muskuläres Defizit                                Abb. 3 Schwere muskuläre Verspannung nach falschem

nach 2 JahrenTraining ohne Anleitung                                        Training

 

Abb. 4 Generelles Defizit der autochtonen Muskulatur (Haltemuskulatur)

Der 68-jährige  wurde als muskulös eingestuft.  Bei genauerem  Hinsehen erkennt man, dass die Muskulatur im mittleren Rückenabschnitt über die  gesamte Körperlänge abgebaut ist.   Die Täuschung entsteht durch eine massive Überlastung und Dauerkontraktion der Stützmuskulatur (nichtautochthonen Rückenmuskulatur) , insbesondere der extremen Verspannung der Rhomboidmuskulatur.  Aber auch diese Stütze reicht hier nicht mehr aus, um die Haltung der Wirbelsäule zu sichern. Die muskulären  Schäden sind  so groß, dass der Patient sich nur 2 Stunden aufrechthalten kann,  dann kippt die Wirbelsäule wieder ab.

 


a.) Haltung nach  zweistündiger Belastung                    b) normale Haltung

Abb. 5  68- jähriger Patient mit schwerer Störung der Haltungsmuskulatur (autochthone Muskulatur)

Durch einen mikroinvasiven Eingriff könnte Abhilfe geschaffen werden. Doch ein individuell abgestimmtes  Muskeltraining von 2X 20 Minuten täglich ist unerlässlich, um die Haltung zu  sichern.

Die  Stärkung der Rhomboid - und Serratusmuskulatur sowie die  Muskulatur des Latissimus dorsi  sollten bei keinem Training  außer acht gelassen werden. Probleme gibt es bei dem Training der tiefen Rückenmuskulatur. Hier sollte mit besonderem Feingefühl vorgegangen werden, da ein Training in Überstreckung erforderlich ist.  Es darf auf keinen Fall zur Auslösung von Schmerzen führen. Es auszulassen, wäre aber ein größerer Verlust. Beim Aufbau der Rückenmuskulatur ist darauf zu achten, dass der innere Muskelbereich dem äußeren angenähert wird. 

 

 


a.) Schwachstelle unserer Rückenmuskulatur(weiß)    b.) ausgewogene Verteilung der Muskulatur

Abb. 6  Muskuläres Gleichgewicht

Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht, dass man auch mit falschem Training keinen Schaden anrichten kann,  muss man  darauf hinweisen, dass ein falsches Training  durchaus zur Verschlechterung der Rückenbeschwerden führt, da die Gleichgewichtsbedingungen weiter verschlechtert werden.  Es ist  mit: „ Zeigen sie mir einfach mal ein paar Übungen“, eben nicht getan. Man muss die Übungen  lernen und man muss sie richtig lernen, wenn es sinnvoll sein soll, Selbstberuhigung ist Selbstbetrug. Wir haben uns den Körper nicht selbst gegeben, und wir haben kein Recht ihn sich selbst zu überlassen.

Es ist daher wichtig, dass die Übungen exakt  ausgeführt werden.

Da wir meist visuelle Typen sind, nutzen wir die Möglichkeit die Übungen unter Sicht (monitorgestützt) zu erlernen. Wir haben dazu eine spezielle Anlage entwickelt, die es Ihnen ermöglicht beim Training  die Rückenmuskulatur zu sehen.

 

Abb. 7 monitorgestützte Übungen

Um sich die  Übungsabläufe besser merken zu  können,  werden die Übungen  durch mentales Training unter  Suggestion geprägt.

 

 

 

 

 

 

 

Abb.8-10 verschiedene Ansichten des  Raumes für die Suggestionsgymnastik

 

Wir nutzen die Suggestion danach auch  zur Einsteuerung  des bedingten Reflexes -   Gefahr erkennen und automatisch die  Wirbelsäule durch  muskulärer Kontraktion schützen. Dieser Reflex ist für unser Leben sehr wichtig. Er kann über Sein und Nichtsein entscheiden. Er ist vor der Behandlung durch die immer wiederkehrenden Schmerzen, die  beim plötzlichen  Anspannen der Rückenmuskulatur auftraten, eingeschlafen und muss  geweckt werden. Durch vorherige  Stimulierung unserer Sinne über visualisierte Musik von Gefahrensituationen lässt sich der Effekt wesentlich steigern.

Das Training der Rückenmuskulatur  muss  zu Hause weitergeführt werden. Es ist  wenig, was unsere Wirbelsäule an Training benötigt, doch die Kontinuität ist lebensnotwendig. Die Art zu leben liegt in Ihrer Hand!

 

 

 
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