Körperhaltung des reifen Mannes - kurzzeitige Erschlaffung - wirbelsäulenbedingt

In der aufrechten Körperhaltung werden der Stolz und die innere Zufriedenheit des Menschen ausgedrückt. Aus scheinbar unerklärlichen Gründen können bei sonst gesunden und eigentlich sportlichen Männern nach dem 55. Lebensjahr plötzlich Probleme mit der stolzen Körperhaltung  auftreten. Erschrocken müssen sie feststellen, dass sie die Körperhaltung nur noch etwa 1-2 Stunden halten können. Dann sinkt der Oberkörper nach vorn.

Abb.1 Temporäre Haltungsschwäche


Klinische Symptome treten dabei anfangs kaum auf. Manchmal ein leichtes Spannungsgefühl zwischen den Schulterblättern, mehr nicht.


Ursachen für die Haltungsschwäche

Die Ursachen für die temporäre Schwäche bei der Sicherung der Körperhaltung ist in einer segmentären Instabilität der oberen Brustwirbelsäule (Th3-Th5) mit Insuffizienz der Haltemuskulatur zu suchen.  Diese  Muskulatur ist für die Aufrichtung und das Halten einer bestimmten Wirbelsäulenposition ausgelegt. Ist die Haltemuskulatur der Brustwirbelsäule insuffizient, so kann sie die Haltung nicht mehr allein sichern.   Ohne dass es ihnen anfangs so richtig bewusst wird, versuchen sie die leichte Fehlhaltung durch  vermehrten Einsatz der Stützmuskulatur abzufangen. Sie setzten diese Muskulatur jedoch nicht nur zum Aufrichten der Wirbelsäule ein, sondern  setzten sie auch einer Daueranspannung aus, um die erreichte Haltung zu sichern. So kompensieren sie die Schwäche der Wirbelsäulenhaltemuskulatur durch das bewusste Anspannen der Stützmuskulatur. Das Zusammenwirken der beiden Muskelsysteme muss bei der Gotik Pate gestanden haben. Die elegante Grundkonstruktion braucht zu Absicherung der Stabilität ein System an Zugankern, welche bei außergewöhnlicher Belastung eine zusätzliche Stabilisierung  ermöglicht.
Das gelingt anfangs gut wird aber mit der Zeit immer problematischer und der zeitliche Abstand, wo eine  Nachkorrektur erforderlich ist, wird ständig  kürzer. Dann kommen jetzt auch noch Schmerzen im Nackenbereich und nicht selten auch Herzschmerzen hinzu.
Wie versuchen wir die Fehlhaltung zu korrigieren? Wir verwenden Muskelgruppen, die für die Funktion des Schultergürtels erforderlich sind. Träger ist dabei der M. rhomboideus major, der sich zwischen der Brustwirbelsäule und dem inneren Rand des Schulterblattes ausspannt. Er unterliegt einer besonderen Belastung, da er in seiner Wirkung nur unvollständig durch den Trapeziusmuskel verstärkt wird.  Der M. rhomboideus und der M. serratus anterior fixieren das Schulterbaltt  am hinteren Brustkorbbereich  (Abb.2a). Beim Nachlassen der Kraft des M. rhomboideus wird das Schulterblatt durch den M.serratus anterior aus seiner Position gezogen. Dabei wird der untere Winkel des Schulterblatts  nach außen  gedreht und das  Schulterblatt nach vorn gezogen (Abb.2b), sodass die Außenkante des Schulterblattes  jetzt seitlich vorn auf dem Brustkorb fixiert wird. Da dieser Vorgang sowohl auf der linken als auch auf der rechten Körperseite erfolgt, wirken die verdrehten Schulterblätter als Hypomochlion bei der Beugung der  Brustwirbelsäule. Das heißt,  sie  werden   zum Dreh- und Stützpunkt  für die  Haltung  der   Brustwirbelsäule. Die Abkippung der Wirbelsäule geht vorerst nur bis in diese Höhe (Abb. 1)

a) Untere Gurtung der Wirbelsäule Schulterblätter stehen parallel Rhomboideus = Serratus Kontraktion
b) Syndrom der entgleisten unteren Gurtung, Schulterblätter sind nach außen gedreht und nach vorn gezogen, Rhomboideus Serratus Kontraktion

Abb. 2 . Gurtung (untere) der Brustwirbelsäule durch  M. rhomboideus-Schulterblatt -  M.  serratus anterior

Das  Abkippen der Wirbelsäule kann durch diesen Vorgagang temporär auf dieser Höhe begrenzt werden.  Wir bezeichnen den Vorgang als „Syndrom der entgleisten unteren Gurtung“.  Bei weiterer Überlastung  der Wirbelsäule wird auch die Schulter- Nackenmuskulatur ( M. trapezius u.  M. pectorales minor) zum Aufrichten  des Oberkörpers eingesetzt. Es können dadurch Nacken- Hinterkopfschmerzen und  eine Herzsymptomatik verursacht werden („Syndrom der entgleisten oberen Gurtung “).
Sind alle Kompensationsmöglichkeiten erschöpft, so steigt das Niveau der Abkippung weiter ab und erfasst die untere  Brustwirbelsäule sowie den Übergangsbereich Brust- Lendenwirbelsäule.
Was für Folgen hat diese Haltungsstörung?  Es scheint anfangs eine rein ästhetische Frage zu sein - (Abb.3a). Wenn dieser Befund jedoch nicht rechtzeitig korrigiert wird,  nimmt die Abkippung zu -  Abb.3b). Auch jetzt ist noch eine effektive Korrektur möglich. Wird auch dieser Zeitpunkt verpasst, so   entwickelt sich ein schweres Krankheitsbild mit ausgedehnten degenerativen Veränderungen der Brustwirbelsäule und infolge auch der Hals- sowie Lendenwirbelsäule.

a) Temporäre Fehlhaltung Stufen der Fehlhaltung b)  Fixierte  Fehlhaltung c)  Korrekturmöglichkeiten bestehen bei beiden
Abb. 3  Körperhaltungsänderungen

Nun denkt man Muskelstörungen müssen doch durch Training behoben werden können. Doch es handelt sich hier nicht nur um eine untrainierte, sondern um eine überforderte,  kranke Muskulatur, die eines genau abgestimmten  Behandlungsprogramms bedarf. Training ist zu diesem Zeitpunkt schmerzhaft und verschlechtert die Situation beträchtlich. Die Wirbelsäulenveränderungen und die Schäden in der  Muskulatur müssen zuerst behandelt werden

Wie erfolgt die Behandlung?  Es besteht heutzutage in Abhängigkeit von der Schwere der Verletzung   durch einen mikroinvasiven Eingriff die Möglichkeit die geschädigten Strukturen zu behandeln und die aufrechte Körperhaltung durch die regenerierten muskulären Kräfte zu sichern. Der Eingriff muss genau auf die individuellen statischen Verhältnisse ausgerichtet sein. Er ist  wenig belastend und  von großer Effektivität. Eine Behandlung, die ihre Mitarbeit erfordert, ihnen aber auch die große Chance bietet.
Der mikroinvasiven Eingriff ist erforderlich, um die Veränderungen an den Wirbelbogengelenken und die Einklemmung der Nervenäste, die der Steuerung der Haltemuskulatur dienen, zu beheben. Dann werden die Störungen in der teilfibrosierten Haltemuskulatur beseitigt und die Muskulatur neu einreguliert. Den Abschluss bildet die Behandlung der Stützmuskulatur (spinohumerale Muskulatur). Dieser Eingriff muss grundsätzlich an der Brustwirbelsäule und gleichzeitig an der Halswirbelsäule durchgeführt werden, da  beide Wirbelsäulenabschnitte in funktioneller Wechselwirkung stehen.

Der Eingriff erfolgt ohne Schnitt, d.h. von einem kleinen Einstich aus und wird unter Sicht eines Fluoroskopes vorgenommen. Er erfolgt unter iv.-Narkose und ist risikoarm, sodass auch ältere Menschen behandelt werden können. Die Behandlung erfolgt ambulant mit Nachbetreuung über eine Wachstation.  Durch frühzeitige Bewegung wird erneuten Verklebungen der Muskulatur vorgebeugt.  Nach 2 Tagen sind sie wieder belastbar. Mit schweren körperlichen Belastungen und Sport sollten Sie 1 Woche warten. 
Das Muskelaufbauprogramm muss abgestimmt auf den individuelle Muskelstatus erfolgen und sollte genau die Muskelgruppen erfassen, die den Krankheitszustand mit verursacht haben. Sie brauchen für das Programm die Hilfe  eines Spezialisten und sollten das Erlernte zuhause täglich 10- 15 Minuten durchführen um die Funktionsfähigkeit der Wirbelsäule und Muskulatur auf Dauer zu sichern. Ein bisschen geliebt werden will auch ihre Wirbelsäule.

 

 
Joomla templates by a4joomla