BWS-Syndrom – heute

 

Was versteht man darunter?


Unter einem BWS-Syndrom verstand man noch vor 5 Jahren eine leichte Störung im Bereich der Brustwirbelsäule mit Schmerzen zwischen den Schulterblättern und einer leichten Bewegungseinschränkung beim Vorbeugen, die in einigen Fällen mit gürtelförmig ausstrahlenden Schmerzen - sogenannten Intercostalneuralgien - kombiniert ist.  Das Bild hat sich inzwischen erheblich geändert. Als Ursache betrachtete man noch vor Jahren Blockierungen der Brustwirbelsäule meist als Folge einer  Scheuermannschen  Erkrankung.
Die starken Veränderungen der Arbeits- und Lebensbedingungen in den letzten 10 Jahren haben auch eine Änderung der Belastung der Brustwirbelsäule zur Folge. Das muskuläre Verspannungssystem ist extrem gefordert und wird doch von uns so stark vernachlässigt. Die täglichen Bewegungen reichen  nicht aus, um die Belastungen des Alltags zu kompensieren. Die Schwäche unserer Wirbelsäulenhaltemuskulatur bleibt nicht ohne Folgen.
Heute weist die Symptomatik eines schweren BWS-Syndroms auf das Vorliegen  einer intraspongiösen Hernie auf Basis einer Schädigung der Wirbelsäulenhaltemuskulatur hin (s. Abb.1).  Neben den bekannten Beschwerden treten eine Vielzahl anderer Beschwerden auf,  die bei jungen Erwachsenen eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität bedingen.

Palette der Symptome


Die Palette der Symptome des BWS-Syndrom ist außerordentlich groß. Der Beginn der Beschwerden ist verschieden:                                               
Schwindel  Beklemmungen, Kribbeln in den Händen, Schmerzen im Herzbereich, Herzrasen und Rippenschmerzen und das Gefühl bei vertiefter Atmung nicht durchatmen zu können oder blitzartige schmerzhafte Atembehinderung

Warum ist die Diagnostik so problematisch?


Die einzelnen Symptome könnten auch schweren Krankheitsbildern aus anderen Fachgebieten zugeordnet werden.  Außerdem erschwert die verwirrende Vielzahl unterschiedlicher Symptome den Rückschluss auf die Ursache der Erkrankung. So beginnt eine wahre Odyssee und Sie fühlen sich mit Ihren Beschwerden allein gelassen.  Die Schilderung des Leidenswegs ähnelt nicht selten einem Hilfeschrei. Um den Patienten die Gewissheit zu geben, dass wir sie verstehen, haben wir aus vielen Einzeldarstellungen einen problematischen Verlauf nachgezeichnet:
Sie sind noch jung und spüren plötzlich ihr Herz. Es schlägt unregelmäßig, dazwischen stolpert es.  Erschrocken drücken Sie Ihre Hand in die Herzgegend. Sie versuchen die Beschwerden nicht ernst zu nehmen. Sie sind sehr beunruhigt, lächeln verkrampft und bemühen sich ruhig zu bleiben. Doch die Sorge, dass Sie ein Herzleiden haben könnten, will nicht weichen. Verzweifelt versuchen Sie, die Tränen zurückzuhalten. Sie fragen sich, wie sich Ihr Leben dadurch  verändern wird, ob Sie Ihren Beruf werden weiter ausüben können. Sie suchen einen Arzt auf und werden weitergeschickt. Von einem Arzt zum anderen. Sie haben den Eindruck die meisten Ärzte halten Sie für einen Simulanten. Dass man so jung noch keine ernsthaften Herzbeschwerden haben kann, bekommen Sie zu hören. Bei den Untersuchungen wird nichts gefunden. Und dann kommen noch Atembeschwerden hinzu. Sie sind fassungslos und versuchen es zunächst dem Arzt zu verheimlichen. Aber wenn dann Schwindel-, Nacken- und Hinterkopfschmerzen  sowie der Schmerz zwischen den Schulterblättern immer stärker werden, glauben Sie selbst schon daran, dass Sie in psychiatrische Behandlung gehören. Der stressige Alltag muss herhalten. Sie fragen sich, was Sie falsch gemacht haben. „Wieso ich?“, möchten Sie in die Welt hinausschreien.  Doch dann beruhigen Sie sich wieder. Man kann doch heute schon so Vieles behandeln. Wieso denn das nicht? Aber dann resignieren Sie erneut. Jeder sagt  doch etwas Anderes, wie kann es da richtig  behandelt werden?

Was für eine Ursache haben  diese Beschwerden?


Wenn Sie solche oder ähnliche Beschwerden haben liegt der Verdacht einer intraspongiösen Hernie nahe.

Was versteht man darunter?

Man versteht unter einer intraspongiösen Hernie eine Bandscheibenschädigung im Bereich der Brustwirbelsäule, bei der ein Teil des  Bandscheibenkerns abgespalten und in die maschenartige Knochensubstanz (Spongiosa) des darunter liegenden Wirbels eingepresst wird (siehe Abb.3). In diesen Maschen befindet sich  Knochenmark (Abb.5). Bei jeder Belastung der Bandscheibe erzeugt der mit der Bandscheibe weiterhin verbundene Teil des Kerns (surfing disc) eine Erhöhung des Innendruckes in dem mit Knochenmark gefüllten Wirbel (Abb.5). Ein Druckausgleich ist aufgrund der Innenstruktur des Wirbels nur in Richtung der Basis der Wirbelgelenke möglich (Abb.6). Er erzeugt dort schwere Störungen aller Gelenke, die mit dem Wirbel verbunden sind. Das betrifft die Gelenke mit denen die Wirbel untereinander verbunden sind und auch die Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen.

Wer ist betroffen?


Betroffen sind Menschen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Neben einer erheblichen Fehlbelastung der Brustwirbelsäule liegt immer eine unzureichende Wirbelsäulenhaltemuskulatur vor.

Junge schlanke Frauen neigen besonders zu diesen Wirbelsäulenschäden. Die Frauen  punkten durch ihre Schlankheit. Die zu schwache Wirbelsäulenhaltemuskulatur kaschieren sie durch leichtes Vorschieben des Bauches, sodass die Haltungsschwäche meist erst auf den zweiten Blick erkennbar ist.   
Wie ist es bei den Männern? Die Männer haben meist eine gute Rückenmuskulatur, möchten aber eine noch bessere haben. Gefährdet sind die jungen Männer, die nicht systematisch Bodybuilding betreiben,  sondern sich immer wieder mal kurzzeitig zu hoch belasten, um schnell eine gute Figur zu bekommen. Der Rücken des Bodybildners ist schön anzusehen, auch hier ist erst beim genaueren Hinsehen erkennbar, dass in der Mitte des Rückens eine Lücke durch die schwächer ausgebildete Wirbelsäulenhaltemuskulatur besteht. Durch die Stützmuskulatur kann der Körper dieses Defizit einige Zeit ausgleichen.

Häufig weisen erst schwere Schulterschmerzen, Herzbeschwerden oder eine  Leistungsschwäche auf die Wirbelsäulenstörung hin. Es kann jedoch auch hier die gesamte Palette der Beschwerden auftreten.

 

a) Bereich der oberen Gurtung der Brustwirbelsäule b) Bereich der unteren Gurtung
Abb.1 Muskuläres Defizit

 

Entstehungsmechanismus


Bei einer dauerhaften Überlastung der Brustwirbelsäule können Schäden nur durch eine gute Wirbel-säulenhaltemuskulatur abgefangen werden.
Der Innendruck im Bandscheibenraum wird allmählich zu hoch. Der Bandscheibenkern gerät unter so hohe innere Spannungen, dass ein Teil des Kerns (surfing disc)  durch die Knorpelabschlussplatte gepresst wird und die Deckplatte des darunter befindlichen Wirbels eindellt.
Allmählich gibt die Deckplatte nach und der surfing disc dringt in die maschenartige Knochensubstanz  (Spongiosa), (Abb.2), des unteren Wirbelkörpers ein. Man  spricht von einer interspongiösen Hernie  (Abb.3). Der surfing disc bleibt nach den richtungsweisenden Untersuchungen von Adler (persönliche Mitteilung 2013) zumeist in Kontakt mit dem Bandscheibenkern.  Bei jeder Belastung der Bandscheibe wird dadurch  ein Teil des  Drucks  über den surfing disc in das Innere des unteren Wirbels fehlgeleitet. Er drückt dort auf die mit Knochenmark und Blut gefüllte maschenartige Wirbelsubstanz (Abb.4a und  Abb. 4b)

 

Abb. 2 a    Struktur des Wirbelkörpers ( Längsschnitt  )
PE Pedikeleingang/ Maschenartige  Knochensubstanz (Spongiosa)

 

 

Abb. 2b

 

Abb. 3

 

Abb. 4  Verschiebung  des Knochenmark-Blut-Puffers

unter dem Einfluss des surfing  disc

 

Abb.5  Druckablaufstraße des  Knochenmark-Blut-Puffers

im  Querschnittsbild des Wirbelkörpers
Hellgrau der Abdruck des surfing disc

 

a.    Belastungsvorgang b. Zielorte  der Druckwellen
Abb.6    Lagebeziehung zwischen der Druckablaufstrasse und  den Gelenken
G1    Gelenkfläche der Wirbelbogengelenke (Verbindung der Wirbel miteinander)
G21 und G22 Gelenkflächen der Wirbel-Rippen-Gelenke

Da die Knochensubstanz  bei jungen Erwachsenen mit Knochenmark gefüllt ist, wird ein hydrodynamischer Prozess ausgelöst. Die auf die Bandscheibe wirkenden Belastungen werden über den  surfing disc als hydrodynamische Druckwellen im Inneren des Wirbels wirksam (Abb. 3-6).

Das  Knochenmark weicht dem Druck aus und bildet in der maschenartigen Knochensubstanz (Spongiosa) regelrechte Druckablaufstraßen (DAST) (Abb.5).  Die Druckablaufstrassen sind durch die Binnenstruktur des Wirbels teilweise vorprogrammiert. Ein Ausweichen der Druckwelle ist nur in Richtung des mit dem Wirbelköper verbundenen Teil des röhrenförmigen Trägersystems (Pedikel) der Wirbelgelenke möglich (Abb.6). Die Basis der Gelenke wird dabei um wenige Zehntelmillimeter in ihrer Position verschoben.

 

 

Abb.7 Beeinflussung der Wirbelgelenke durch die intraspongiöse Hernie rot gekennzeichnet  der Blut- Knochenmark-Puffer - deutlich erkennbar die zunehmende Erweiterung des unteren Wirbelgelenkes

 

Abb.8 Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen
Rippe-Wirbelkörper G21         Rippe-Ouerfortsatz des Wirbels G22
Die Gelenkflächen werden durch den unter Druck stehenden Blut-Knochenmark-Puffer im geschädigten Wirbelsäulensegment zusammen gedrückt, während sie in dem darunter liegenden auseinander gezogen werden.

 

Die Gelenke (G1) erfahren dadurch eine Dehnung und Veränderung der Stellung der Gelenkflächen zueinander und so kommt es zu einer Schädigung der Gelenke und der Gelenkmotorik. Der unmittelbar am Gelenk liegende Nervenast wird in den Dehnprozess mit einbezogen und übersteuert dadurch die Wirbelsäulenhaltemuskulatur. Damit ist der Prozess nicht beendet, sondern er wiederholt sich bei jeder neuen Belastung. Der surfing disc verschiebt den Blut-Knochenmark-Puffer in der Spongiosa ständig aufs Neue. Die kleinen Wirbelgelenke und die dem Wirbel anliegende Haltemuskulatur des geschädigten Segmentes und des Nachbarsegmentes werden zunehmend geschädigt und führen zur Instabilität in dieser Höhe.
Abumi und Panjabi  (1990) bestätigen mit ihren Untersuchungen die große Rolle der Muskulatur für die Stabilität der Wirbelsäule. Bei längerem Bestehen der Schädigung weiten sich die Störungen auch auf die darunter liegenden Wirbelsegmente aus. Es können bis zu 3 Segmente betroffen sein.  Aus der Vielzahl der unterschiedlichen Gelenkstörungen resultieren die unterschiedlichen Symptomen-komplexe. Neben den Wirbelbogengelenken sind auch die Wirbel-Rippen-Gelenke (G21 u.G22) aktiv in den Prozess einbezogen (Abb.8). Da die Gelenkfläche (G21) dem Wirbelkörper direkt außen anliegt, wird jede Veränderung des Wirbelkörpers auf die Gelenke übertragen und führt zum vorzeitigen Verschleiß der Gelenke. So muss sich unser Körper neben den vielen Problemen, die sich aus der Instabilität ergeben, auch mit den Problemen, die sich für die Atmung ergeben, auseinandersetzen.  Wir setzen Muskulatur, die sonst der Bewegung dient, jetzt  zusätzlich für die Stabilisierung der Brustwirbelsäule ein. Das geschieht über sogenannte  Muskelschlingen, die hier im Sinne einer Gurtung eingesetzt werden. JW Rohen hat in seinem Buch: „Funktionelle Anatomie des Menschen“, 1973, dargelegt, dass bestimmte Funktionen im Oberkörperbereich über Muskelschlingen erfolgen. Es handelt sich dabei um Muskelsysteme, die funktionell den Rückenbereich mit dem  Brustbereich verbinden. Zur Stabilisierung der oberen Brustwirbelsäule können wir die obere Schlinge (M. trapezius - M. pectorales minor - Schlinge) im Sinne einer solchen Gurtung einsetzen. Das Zusammenspiel der beiden Muskeln bei der Bewegung wird jetzt zum Wechselspiel der Muskeln bei der Überlastung.  Wenn der eine Muskel überlastet wird, übernimmt der andere die Hauptlast. Und so kommt es bei der Überlastung der Nackenmuskulatur zur erhöhten Anspannung der Brustmuskulatur. S.H. Rinzler hatte bereits 1951 beschrieben, dass eine isolierte Schädigung des kleinen Brustmuskels die Symptomatik einer Herzerkrankung aufweisen kann.  Klagen die Patienten jedoch zuerst über starke Nackenschmerzen und erst danach über Schmerzen im Brustbereich, so ist das ein Zeichen dafür, dass die  obere Gurtung entgleist ist (Abb. 9). Die Ursache des Geschehens liegt dann in der Brustwirbelsäule und ist nur über die Behandlung dieser zu beheben.

 

Abb.9a M. trapezius insuffizienz

Abb.9b M.pectoralis minor

zeigt vermehrte  Anspannung

Die Aufhellung  liegt  in beiden Fällen im Brustbereich und  verursacht eine Herzsymptomatik

Wie sollten Sie sich verhalten?

Es gibt einen Grundsatz in der Medizin. Durch die Dignostik ist immer zuerst das Schlimmste auszuschließen. Das heißt, bei Symptomen im Herz- oder Lungenbereich ist der Weg zum  entsprechenden  Facharzt immer richtig. Wenn die Rückenschmerzen jedoch sehr groß sind, können Sie aber auch zuerst den Wirbelsäulenspezialisten aufsuchen, der zieht, wenn es erforderlich sein sollte, den anderen Kollegen zu Rate.

Diagnosestellung

Die Diagnose ergibt sich aus der Analyse des Symptomenkomplexes und wird durch klinische Untersuchungen der multiplen Gelenkblockierungen und der Analyse der Störungen der Haltemuskulatur im Zusammenspiel mit Überlastungszeichen der Gurtungsmuskulatur erhärtet.

Marras (2001) bestätigt mit seinen Untersuchungen, dass Patienten mit Rückenschmerzen eine erhöhte Muskelaktivität aufweisen und vermehrt Überlastungszeichen zeigen.  Schanz hatte bereits 1921 darauf hingewiesen, dass es sich bei der intraspongiösen Hernie um ein Defizit im statischen System handelt, welches dynamischen Vorgängen unterliegt. Anhand der muskulären Störungen kann man den Ausgangsbefund an der Wirbelsäule eingrenzen und dann gezielt nach den Zeichen einer Segment-Instabilität suchen.

Zur Sicherung der Diagnose ist im Röntgenbild eine Segmentinstabilität (skoliotische Auslenkung, Rotation, Kyphosierungsneigung) zu fordern.

Panjabi et al (1984 ) bestätigen genau diese Befunde bei einer gezielten Schädigung bzw.  Entfernung  des Bandscheibenkerns. Große Bedeutung messen wir auch der Vergrößerung des   Wirbelkörper-durchmessers bei (Abb.10). Knutsson (1948), Idelberger (1952) und Güntz (1957) wiesen übereinstimmend auf die große Bedeutung dieser Veränderung als Zeichen der statischen Störung hin.  Viele andere Untersucher konnten das bestätigen.



Abb.10   Röntgenologische Zeichen der Instabilität
a. Vergrößerung des Wirbelkörpers b. Stellung der Wirbelsäule

 

Zwischen dem 3.und 5. Brustwirbel sollte man nach unseren Erfahrungen besonders auf solche Veränderungen achten. Veränderungen an der Deckplatte des Wirbels sind häufig bereits zu Beginn der Erkrankung erkennbar (Abb.9a). Der Einbruch der Deckfläche aber wird erst nach einiger Zeit des Bestehens des Krankheitsbildes sichtbar. Die Darstellung der intraspongiösen Hernie ist häufig  problematisch und erst sicher möglich, wenn eine Schale um sie gebildet wurde. Bei den Problemen des radiologischen Nachweises ist es besonders wichtig, die klinische Diagnose durch einen Wirbelsäulenspezialisten analysieren zu lassen. Der klinische Befund hat stets Vorrang vor dem sicheren radiologischen Nachweis. Es darf aber auch bei scheinbar sicheren röntgenologischen Befunden nie vorschnell, ohne einen entsprechenden  klinischen Befund, die Diagnose „intraspongiöse Hernie“  gestellt werden, da andere, weniger dramatische Krankheitsbilder wie die Osteochondrose ähnliche röntgen-ologische Veränderungen der Wirbel verursachen können. Besondere Probleme ergeben sich bei der Abgrenzung der Scheuermannschen Erkrankung. Die Übergänge sind fließend.

Betroffen sind bei der Scheuermannschen Erkrankung aber zumeist Jugendliche.  In der „Radiologischen Diagnostik der Knochenkrankheiten“ von Adler, Herget, Uhl (2008) wird die Scheuermannsche Erkrankung  als: „Juvenile Entwicklungsstörung der Wirbelsäule mit Insuffizienz der knorpeligen  Abschlußplatten“ definiert. Röngenologisch findet man beim M. Scheuermann Einbrüche der insuffizienten  Grund- oder Deckplatten, meist Wirbelkörpergrundplatten. Im Wachstumsalter werden die intraspongiösen Wirbelhernien als Schmorlsche Knötchen bezeichnet (Adler. Herget. Uhl). Die Entstehung  dieser Knötchen wird somit auf eine Insuffizienz der Abschlussplatten zurückgeführt. Sie sind nicht wie im Erwachsenalter Folge einer extremen Fehlbelastung der Brustwirbelsäule. Der vorher beschriebene Pathomechanismus für die Entstehung von intraspongiösen Hernien tritt hier nicht in Kraft. Damit kommt es auch nicht zu den schweren Folgeerscheinungen. Die Störungen der Rückenmuskulatur bleiben meist auf den Rücken begrenzt. Die Stützmuskulatur ist viel weniger in das Krankheitsgeschehen einbezogen und die klinische Symptomatik daher bedeutend geringer. Im Röntgenblid ist neben den Schmorlschen Knötchen in Grund- und Deckplatten eine stärkere Kyphosierung erkennbar.

Der exakte radiologische Nachweis der intraspongiösen Hernie ist häufig erst im Spätstadium des Krankheitsbildes durch ein MRT möglich. Da es sich hier aber um einen fortschreitenden Prozess handelt,  sollte auf keinen Fall darauf gewartet werden, da wertvolle Zeit für eine frühzeitige Behandlung verloren geht und Dauerschäden dann unvermeidbar sind.

Was passiert, wenn keine rechtzeitige Behandlung erfolgt, weil Sie glauben, es wird auch so weitergehen?

Das Problem liegt in Folgendem: Es handelt sich hier nicht um abgestorbenes Gewebe wie bei einem Bandscheibenvorfall, sondern um aktives Gewebe, welches bei jeder Belastung weitere Schäden verursacht.

Abb.11  Schweres muskuläres Defizit
5 Jahre nach nichtbehandelter intraspongiöser Hernie
Abb.12 Schwere Wirbelsäulenverkrümmung

Bei längerem Bestehen des Krankheitsbildes werden die Überlastungsvorgänge in die darunterliegenden Wirbel übertragen und es entstehen neue intraspongiöse Hernien mit weiteren  Störungen der Wirbelgelenke und einem schweren  Muskelabbau sowie Dauerschmerzen in der überlasteten Stützmuskulatur. Solche Wirbelsäulenschäden  findet man sonst erst bei 60-jährigen   Patienten als Verschleißerscheinungen. Zu solchen Bildern des Muskelabbaus wie in Abb.11  muss es nicht kommen. Es gibt heute Möglichkeiten, den Prozess zu stoppen und die vorzeitige Alterung Ihrer  Wirbelsäule aufzuhalten. Ein Patient, den wir vor 5 Jahren noch konservativ behandelt hatten, kommt jetzt wegen starker Schulter- und Nackenschmerzen, unerträglicher  Schmerzen in der Brust und Atemnot zur Behandlung. Vor 5 Jahren kannte man den Pathomechanismus, der zu solchen Störungen führt, noch nicht und auch nicht die Möglichkeit diesen zu behandeln. Die Röntgenaufnahmen des Patienten zeigen, dass es innerhalb dieser 5 Jahre zu schweren Veränderungen der Gelenke insbesondere der Wirbel-Rippen-Gelenke gekommen ist. Heute sind solche Schäden vermeidbar.

Wie werden die intraspongiösen Bandscheibenhernien behandelt?

Die Behandlung der intraspongiösen Bandscheibenhernie hängt vom vorliegenden Befund ab. Bei einer auf die Wirbelsäule begrenzten geringeren Symptomatik ist eine Behandlung durch  Manualtherapie, Akupunktur, Analgetika möglich. Sollte das keinen Erfolg bringen oder besteht eine schwere Symptomatik, so ist ein mikroinvasiver Eingriff erforderlich, um Dauerschäden zu verhindern.   
Die Behandlung sollte so schnell wie möglich erfolgen,  weil der in den  Wirbel eingedrungene Anteil des Bandscheibenkerns (surfing disc) weiterhin aktiv ist und Tag für Tag zusätzliche Schäden an den  Wirbelgelenken verursacht. Erst wenn die intraspongiösen Druckverhältnisse wieder einreguliert sind, kommt dieser Prozess zum Stillstand. Wir nehmen eine transpedikuläre  Dekompression nach Schneider vor  Dann werden die eingeklemmten  Nervenäste aus den betroffenen Gelenkbereichen und die Segmentmuskulatur von den fibrösen Schäden befreit. Der zweite Teil des Eingriffs ist vom vorliegenden Symptomenkomplex abhängig und verlangt einen spezifischen therapeutischen Ansatz. Er wird immer sofort in der gleichen Sitzung vorgenommen und aktiviert Ihre Stützmuskulatur.
„Bloß keine Operation“, werden Sie sagen. Doch keine Angst. Oder wollen Sie mit einem Befund leben, der sich weiter ausbreitet und Ihre Wirbelsäule vorzeitig altern lässt? Das Wort Eingriff löst bei uns allen  Beklemmungen aus. Manche böse Ausdrucksweise über Operationen an der Wirbelsäule hält sich seit Jahrzehnten.  Ich denke dabei an die Formulierung mit dem Rollstuhl. Doch die Entwicklung ist nicht stehengeblieben und die böse Anschuldigung sollte es auch nicht, denn sie stammt aus der Zeit des Kurbeltelefons. Es gibt heute risikoarme, mikroinvasive Verfahren, die noch dazu ambulant durchgeführt werden, denn die frühzeitige Belastung der Muskulatur ist Teil des Behandlungsprinzips. Damit wird die Muskelaktivität der Haltemuskulatur sofort angekurbelt und muskulären Verklebungen vorgebeugt.  Der Eingriff erfolgt über winzig kleine Stiche. Er wird unter Bildschirmsicht mit höchster Präzision durchgeführt. Am Tag darauf geht es Ihnen wieder gut. Schmerzen sind kaum noch vorhanden. Doch Sie sollten den Tag etwas ruhiger angehen lassen. Nach zwei Tagen können Sie wieder leichte Arbeiten durchführen. Nach 5 Tagen könnten Sie sich wieder richtig belasten und auch Sport treiben.

Wie steht es mit der Nachbehandlung?

Als Sie noch unter  starken Schmerzen litten, hatten Sie immer den Wunsch, so zu leben wie die anderen Menschen. Sie wollten alles dafür tun, um die Beschwerden loszuwerden.

Jetzt sollten Sie etwas tun, um die Beschwerden nie wieder zu bekommen. Zwar rechnen wir damit, dass Sie auch ohne Training etwa 3 Jahre beschwerdefrei bleiben.  Ein individuell ausgerichtetes Training von nur 10 Minuten täglich gibt Ihnen jedoch die Chance, es auf Dauer zu bleiben.

Ein bisschen Training nützt nichts. Sie brauchen anfangs eines Spezialisten, der ein spezielles Training für Sie zusammenstellt und einübt, um Ihr Muskeldefizit zu beheben. Später können Sie das Training auch ohne fremde Hilfe exakt durchführen. Schanz schreibt: „Selbst bei schwerem Krankheitsverlauf sind durch eine individuell angepasste Behandlung beachtenswerte Erfolge zu erreichen. Wird die Muskelschwäche nicht erkannt, hilft alle medikamentöse Therapie, alle passive physikalische Therapie nicht weiter.“ Zunächst muss jedoch Ihre Wirbelsäule behandelt und auch die muskulären Störungen behoben werden. Erst dann ist ein erfolgversprechendes Training möglich.

Ein Wort noch zu den mikroinvasiven OP-Techniken. Sie haben sich seit vielen Jahren bewährt und werden auch bei schweren verschleißbedingten Wirbelsäulenerkrankungen mit großem Erfolg  eingesetzt

Sie sollten den Eingriff nicht als Bedrohung, sondern als Chance  betrachten, als die  Möglichkeit wieder so zu leben, wie Sie es möchten, ohne  vom eigenen Körper eingeschränkt zu werden.

Sie wollen sich doch wieder frei fühlen.

Ein völlig anderes äußeres Erscheinungsbild liegt beim unteren BWS-Syndrom vor. Geprägt wird es durch den auffällig vorgewölbten Oberbauch. Auch der Symptomenkomplex ist ein völlig anderer. Aufgrund der Vielschichtigkeit des unteren BWS-Syndroms sowie des anderen Entstehungsmechanismus haben wir die Problematik einer gesonderten Darstellung unterzogen.

Teil des Kerns
 
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