Bewegungseinschränkungen im Alter  -  behandelbar?

Bis ins hohe Alter jung und dynamisch zu bleiben ist der ewige Traum der Menschheit. Bei der Erhaltung der Bewegungsfähigkeit hat die Medizin   schon einiges erreicht.   Ich meine damit die  Fortschritte  bei der Operation von Hüftgelenken, aber auch die  grandiosen Möglichkeiten, die die  minimal  invasive Wirbelsäulenchirurgie der amerikanischen Wirbelsäulenspezialisten  bietet.  Diese  Operationstechniken basieren auf Implantationen.

Wir  führen seit vielen Jahren  mikroinvasive Eingriffe durch mit dem Ziel, die natürlichen Reserven unseres Körpers zu  wecken  und damit    Bewegungsfähigkeit  und Schmerzfreiheit zu erreichen.

Abb.1   Es ist die Hoffnung, die uns am Leben erhält

 

Junghanns (1956) schreibt :  “ Die Wirbelsäule lebt von der Bewegung “ .  Doch wie bewegt man eine  schmerzende Wirbelsäule?  Muß man wirklich im Alter mit  Schmerzen und  einer  Bewegungsbehinderung  leben?  Ist das  unser Schicksal?

Der  Entwicklungsstand  auf dem Gebiet der modernen  Wirbelsäulenbehandlung  zeigt, dass es nicht so ist. Nur bei allem was wir erreichen möchten, ist  neben dem Wunsch auch der Wille, etwas dafür zu tun, nötig.  Zu schnell greifen wir nach einer Stütze und geben dem Körper keine Möglichkeit sich anzupassen. In Abbildung 2  sehen sie eine 73 jährige verzweifelte Patientin, die nach dem anfänglichen „ Ach das lohnt sich doch für mich nicht mehr,“ nun schon seit vielen Jahren  beweglich und schmerzfrei ist.


Abb. 2         73jährige  Patientin

 

 

Um behandeln zu können, müssen wir wissen was für Schäden vorliegen.

Da es sich hier  um degenerative Veränderungen  handelt, lassen sich die zu erwartenden Schäden anhand des Ablaufes  des  Alterungsprozesses der Wirbelsäule analysieren. Es sind nicht nur die Bandscheiben, die sich verändern. Doch der Prozess beginnt mit den Bandscheiben. Die Schädigung unserer Bandscheiben geht mit  dem Wasserverlust unseres Körpers einher. Der Kern der Bandscheibe verliert langsam  an Spannung.  Die Elastizität lässt nach, und die Höhe der Bandscheiben nimmt allmählich ab.  Sie merken es daran, dass Sie etwas kleiner werden. Der Verschleiß der Bandscheiben  beginnt schon im 40. Lebensjahr . Doch wie  bewegen wir uns  in der Nachbandscheibenzeit ? Welche Mechanismen  stehen uns  zur  Verfügung  um die Beweglichkeit  zu erhalten?  Es  sind zuerst die  Wirbelbogengelenke, die bei Schädigung der Bandscheiben die Mehrarbeit zu leisten  haben.  Zum anderen ist es die  Wirbelsäulenhaltemuskultur, insbesondere der den Wirbeln  anliegende Bereich, und zum dritten die Stützmuskulatur, die zu beiden Seiten der Wirbelsäule verläuft und über die Dornfortsätze eine zusätzliche  Verspannung mit  dem  Körper vornimmt.  Wenn die einzelnen Teile dieses Systems  keine Störungen aufweisen, ist auch das   funktionelle Zusammenspiel  gesichert und wir haben keine Wirbelsäulenprobleme.  Wenn aber nur einer dieser Bausteine nicht  ausreichend funktioniert, treten Schmerzen auf. Es ist der Zeitpunkt, wo Sie  das erste Mal darüber nachdenken, dass Sie  sich  zu wenig bewegen und doch mehr Sport treiben sollten. Nach mehreren Ansätzen lassen Sie es  dann wieder. Erst wenn stärkere Schmerzen auftreten, wird das Bemühen Sport zu treiben größer.

Bis dahin  sind meist Jahre vergangen.  Die Wirbelbogengelenke, die die Hauptlast zu tragen haben, wurden  in der Zwischenzeit nicht ausreichend durch die zu schwache  Muskulatur abgestützt und haben Schaden genommen.  Durch die ständig zu hohe Belastung wurden sie breiter  (Spondylarthrose). Jetzt kommt es zu  weiteren  Problemen.

 

 

1   Bandscheibenraum normal hoch, Gelenkkonturen regelgerecht

 

Bandscheibenraum verschmälert, Gelenkfläche verbreitert und ausgewalzt.

Abb. 3  Veränderung der Wirbelbogengelenke in Abhängigkeit von der Funktion der Bandscheiben ( Höhe der Bandscheiben).

 

 

Der dicht am Gelenk verlaufende Nervenast (R. dorsalis ) wird durch die Verbreiterung des Gelenkes eingeklemmt.  Dieser Nervenast  steuert die so dringend zur  Abstützung benötigte Haltemuskulatur. Da er eingeklemmt ist, wehrt er sich wie ein eingesperrtes Kind und es  kommt  zu überschießenden Impulsen . Die  Fehlsteuerung führt  zur Übersteuerung der Haltemuskulatur mit  Überlastungszeichen und starken Schmerzen. Was die Haltemuskulatur nicht mehr zu leisten vermag,  könnte  noch  durch die Stützmuskulatur abgefangen werden.  Könnte ? Denn sie kann es nur, wenn sie ausreichend stark  ist. Ist sie es nicht, so wird sie infolge der Dauerkontraktion selbst überlastet und verursacht  Schmerzen unterschiedlicher Intensität  im Ansatzbereich der Muskeln  (Insertionstendinosen).  Für  der   Abstützung der Wirbelsäule werden aber  immer mehrere Muskeln  gleichzeitig eingesetzt. Es ist wie bei der Verspannung eines Zeltes.  Bei der Überlastung der Stützmuskulatur treten daher  auch  an unterschiedlichen  Stellen des Körpers Schmerzen auf.  Wenn  keine  ausreichende Abstützung der geschädigten Wirbelsäulensegmente gesichert ist, beginnt der  Dekompensationsprozeß des Wirbelsäulensegmentes.  Die Segmentmuskulatur muss mehr und mehr aktiviert werden  um  einer  Instabilität entgegenzuwirken. Dadurch  kommt es zur  Überlastung und Atrophie  der Segmentmuskulatur.  Nur  durch  den verstärkten  Einsatz der Stützmuskulatur  sind die Gleichgewichtsbedingungen jetzt  noch zu  sichern.  Jeder Mensch entwickelt  seine  „ eigene Technik“,  um seine   Muskulatur dafür  einzusetzen.  Diese Technik wird  meistens  davon geleitet wie man  am besten den Schmerzen ausweichen kann.  Die  Haltung ist dabei  zumeist die leichte Vorbeuge.  Eine  Fehlbelastung der Wirbel über einen längeren Zeitraum löst  an den  Wirbeln  einen Wachstumsreiz aus. Im Bereich der höchsten Belastung  kommt zu Knochenanbauten, sogenannten Randzackenbildungen. Diese haben die Tendenz auf einander zu zuwachsen und sich zu einer  Knochenbrücke zu schließen.  Der Bandscheibenraum  wird so durch  eine Versteifung überbrückt ( Abb. 4)

 

Abb. 4 Versteifung von zwei Wirbeln durch eine Knochenbrücke

Wir haben geprüft unter welchen Bedingungen man  das Schließen der Brücke aufhalten kann, um  die Randzacken als zusätzliche elastische Abstützung des Bandscheibenraumes  umzufunktionieren und eine assistierende Gelenkformation zu fördern.

Mit Hilfe der  Spannungsoptik haben wird die Auswirkungen der  Belastung auf den Wirbelkörper überprüft ( Abb 5). Die höchsten Spannungslinien sind im oberen und erheblich  geringer im unteren Randbereich zu erkennen.

 

Abb. 5    Spannungsoptik des Wirbels bei Druckbelastung

Vergleicht man das mit den vorliegenden  Röntgenbildern (Abb.6), so sind genau in diesem Bereich  Randzackenbildungen erkennbar.

 

Abb.6   Seitliche Röntgenaufnahme

Randzacke im vorderen  Bereich

 

Abb.7   Spannungsoptik bei Torsion

Abb. 8    Röngenaufnahme von vorn

Randzacke im seitlichen Bereich.

Deutliche Unterschiede sind  bei Druckbelastung und bei Torsion (Abb.7 u.8) zu erkennen. Es  sind die  Bereiche,  von denen  die Bildung der  Randzacken ausgeht. Die unterschiedliche Lokalisation und die Form der Randzacken scheinen mit  der Art der Überlastung  zusammenzuhängen.

 

Abb.9    Wachstum von Randzacken in Abhängigkeit von der Fehlbelastung

 

Um die Frage zu klären, ob man durch die Aufhebung der Fehlbelastung auch das Wachstum der Randzacken  stoppen kann, nahmen wir Untersuchungen an Wirbeln vor. Das Knochenwachstum wurde  durch Fluoreszenzmikroskopische Untersuchungen sichtbar gemacht.  Auf der Abbildung sieht man das Knochenwachstum bei erhöhter Druckbelastung des  Wirbels.  Die gelben Linien markieren den Beginn  der  Knochenneubildung (Abb.9).  Der Abstand der unteren  Linie zu der darüber liegenden  entspricht dem  Knochenanbau von jeweils  4 Wochen. Nach Änderung der Druckbelastung erlischt die Knochenneubildung (siehe oberste Schicht).

 

Abb. 10    Prozess der Umbildung von Randzacken zu Gelenkformationen  nach mikroinvasivem Eingriff

Der Versteifungsprozeß  kann  durch einen mikroinvasiven Eingriff  unterbrochen werden (Abb.10, 11a u. 11b)

 

Abb11a)    Randzacken Abb.11b)  Umformung der Randzacken

Die Einklemmung des Nervenastes wurde behoben

Unser Körper ist in der Lage neue Gelenksformationen aus den  Randzacken formen.  Noch kennen  wir nicht alle Bedingungen, die dafür notwendig sind. Eine Bedingung jedoch kennen wir, das ist die Funktionsfähigkeit der Haltemuskulatur der Wirbelsäule. Sie ist der Schlüssel für  die Erhaltung der Bewegungsfähigkeit. Jedes Wirbelsegment besitzt seinen eigenen  Bewegungsablauf und Umfang,  ist  aber gleichzeitig integriert in die Gesamtbewegung.  Daraus ergibt sich die Möglichkeit einer Beeinflussung  des gesamten Bewegungsablaufes  durch  die Behandlung von einzelnen Segmenten.  Dazu werden  Segmente  der individuellen  Moblisationskette aktiviert, bei denen sich die Randzacken gerade  berühren . Wir haben entdeckt, dass das Zusammenwachsen der Randzacken von ähnlichen Bedingungen  beeinflußt werden kann wie die Entstehung einer Pseudarthrose.  Durch einen mikroinvasiven  Eingriff wird die Belastbarkeit des Segmentes deutlich verbessert und  damit  der  Reiz für das Wachsen der Randzacken  beseitigt . Außerdem wird  die Beweglichkeit des Segmentes  verbessert und so  der Verknöcherungsprozess  der Randzacken unterbrochen. Da  Randzacken sich nicht mehr verbinden  können,  bilden sie  die  Grundlage für assistierende  Gelenkstrukturen (Abb.11u,12).  Wie die einzelnen Wirbelsegmente untereinander behandelt werden müssen, unterliegt  statischen Regeln. Der  Segmentausgleich wird in  Anpassung an die virtuelle Bewegungsachse vorgegeben und unterliegt dem funktionellen Zusammenspiel. Daraus ergibt sich auch die  funktionellen Anpassung  für die Stützmuskulatur.

Was erwarten wir von einem mikroinvasiven Eingriff?

Die  Grundforderung, die für  einen Eingriff an der Wirbelsäule gestellt werden muss,  ist die  Behebung oder weitgehende Reduzierung der Schmerzsymptomatik. Diese Sympromatik wird durch die Störungen der Wirbelbogengelenke, Einklemmung der Nervenäste und  die multiplen Insetionstendinosen der Stütz-und Haltemuskulatur ausgelöst und kann mikroinvasiv  gezielt behandelt werden.  Eine im hohen Alter weitgehende natürliche  Versteifung ist keine Garantie für die Schmerzfreiheit.

 

Der Behandlungserfolg eines mikroinvasiven Eingriffs wird außerdem gemessen an der Aufrichtung der Wirbelsäule und der verbesserten Beweglichkeit. Das erwarten wir bei jedem Eingriff  (Abb.12).

Zusätzlich werden  die Grundlagen für die Bildung assistierender Gelenkstrukturen  geschaffen, die die Beweglichkeit für einen langen Zeitraum erhalten können.

 

2x wöchentlich sollte  für 3 Wochen ein entsprechendes Übungsprogramm  und eine Schwingungsmassage vorgenommen werden.

Außerdem  müssen täglich einige Minuten die erlernten Übungen ausgeführt werden.  Es drängt sich die Frage auf:  Kann denn ein älterer Mensch noch ein effektives Muskeltraining durchführen?  Ja, er kann es . Aber er muss  fleißiger sein als ein junger Mensch.

Auch beim Einsetzen der künstlichen  Hüftgelenke stand diese Frage.  Die Bereitschaft sich die Hüfte  operieren zu lassen  hat sich trotz der nicht gerade kleinen Operation  erfreulicherweise  durchgesetzt und die Lebensqualität vieler Menschen verbessert. Leider  wird nicht beachtet , dass Hüftgelenk und Wirbelsäule in funktioneller  Abhängigkeit stehen  und sich gegenseitig beeinflussen.

In Relation zur  Hüftgelenksoperation ist es ein kleiner  Eingriff,  die Wirbelsäule über mikroinvasive Verfahren zu mobilisieren.

 

Abb. 12a  84 jährige Patientin  Vor 10 Jahren mikroinvasiv operiert Abb. 12b  Umbau von zwei  Knochenbrücken bei dieser Patientin

 

Ein Eingriff,  den auch ältere Menschen vertragen  (Abb.13  ). Er wird in Narkose durchgeführt, sodass  das Risiko  durch den Narkosearzt abgeschätzt werden muss. Vonseiten des Eingriffs ist das Risiko klein. Man sollte  auch dem älteren  Menschen die Möglichkeit geben,  sich wieder bewegen  zu können.  Der natürliche Versteifungsprozess  kann in einen  bewegungserhaltenden Prozess  umgewandelt und die Schmerzen erheblich vermindert werden.

Leben ist Bewegung, bedeutet Lebensqualität. Man kann weiterhin am Leben  der Gesellschaft teilnehmen.  Es bedeutet aber auch Unabhängigkeit, auf niemanden angewiesen zu sein. Unser Körper arbeitet nach dem Prinzip: „Förderung  durch Forderung“ . Bereits eine  kurze Zeit der Untätigkeit wird mit Veränderung von Muskeln und der Verminderung der  Haltbarkeit unseres Knochengerüstes bestraft.  Motilität und  Vitalität bedingen einander.

 
Joomla templates by a4joomla