Unteres BWS-Syndrom

Während Schmerzen in der oberen Brustwirbelsäule schon im frühen Erwachsenenalter auftreten können, werden Schmerzen in der unteren Brustwirbelsäule zumeist erst nach dem 40.Lebensjahr nachweisbar.
Die Schmerzen beginnen im Bereich der unteren Brustwirbelsäule sowie am inneren Schulterblattrand (Abb.1).

Abb. 1a Muskuläres Defizit beim

BWS-Syndrom

Abb. 1b Muskelveränderung des M. rhomboiideus

mit einem Teil des Serratusmuskels

Sie ziehen entlang der Rippen nach vorn in den Brustkorbbereich und den Rippenbogen (Abb.2).

 

Abb.2a Verlauf der Schmerzen Abb. 2b Schmerzhafte Muskelbereiche des M.serratus anterior

Bei längerem Bestehen der Schmerzen kann es zu einer deutlichen Vorwölbung des Oberbauches kommen (Abb.3a). In einigen Fällen wird außerdem eine Schnürfurche (Abb.3b) unterhalb der Brustwarze sichtbar.

 

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Abb.3a Vorgewölbter Oberbauch

beim unteren BWS-Syndrom

Abb. 3b Schnürfurche

BWS-Syndrom

Die Beschwerden können sowohl ein- als auch doppelseitig auftreten. Zwei unterschiedliche Symptomenkomplexe werden angegeben:

1. Zeichen, wie man sie bei einer Refluxkrankheit findet, saures Aufstoßen und Druckgefühl im Oberbauch nach dem Essen

2. Probleme beim tiefen Einatmen

Typisch ist der Brustschmerz beim Gähnen. Jannet Travel beschrieb, dass der Schmerz vermehrt von Patienten angegeben wird, die längere Zeit telefonieren. Sie haben plötzlich das Gefühl nicht genug Luft zu bekommen und glauben erst einmal, nicht weiterreden zu können. Sie richten sich dann erschrocken auf und nach ein- bis zweimal kurzem tiefen Einatmen können sie mühelos weiterreden. Beschwerden wie bei einem Herzinfarkt sind ebenfalls möglich. Diese Symptomenkomplexe können auch zusammen auftreten.

Nicht selten weisen männliche Patienten überhaupt keine Beschwerden auf. Sie bemerken entsetzt, dass sich ihr Oberbauch allmählich vorwölbt, ohne dass es dafür eine Erklärung zu geben scheint, da ihr Essverhalten gleich geblieben ist. Es handelt sich dabei zumeist um Patienten, die ständig ihre Brustwirbelsäulenbeschwerden zu bagatellisieren suchen, indem sie diese mit Schmerzmitteln betäuben.    Bei dem Versuch, eine Erklärung für die Bauchveränderung zu finden, tasten sie den Oberbauch ab und stellen fest, dass die Rippen unterhalb der Brustwarze druckschmerzhaft sind.

Wie kommt es zu diesen Beschwerden?

Ursächlich sind Brustwirbelsäulenschäden zwischen dem 5. - 12. Brustwirbel. Es handelt sich dabei um osteochondrotische und spondylarthrotische Veränderungen mit Auswirkungen auf die Statik. Die Symptomenkomplexe resultieren aus der Überlastung der zur Kompensation der Wirbelsäulenschädigung eingesetzten Rückenmuskulatur. Unser Körper versucht die statischen Störungen der Brustwirbelsäule durch vermehrte Anspannung der großen Rückenmuskulatur (M. trapezius und M. rhomboideus major) abzufangen. Die Rhomboidmuskulatur hat dabei eine große Bedeutung. Diese Muskulatur spannt sich zwischen der Wirbelsäule und dem Schulterblatt aus. Sie ist Teil einer Muskelschlinge, mit der die Wirbelsäule am Brustkorb fixiert wird (Wirbelsäule-Muskulatur-Schulterblatt). Den zweiten Teil der Schlinge bildet der vom Schulterblatt ausgehende Serratusmuskel, durch den die Verbindung zu den Rippen erfolgt.

 

Abb.4 M. serratus anterior (dargestellt sind die Muskelzacken)

Die Schulterblattmuskulatur (Muskulus serratus anterior) geht vom Schulterblatt aus, fächert sich in Höhe der Rippen auf und erreicht mit je einer Muskelzacke eine Rippe, die über die Muskelzacke in der Position verändert werden kann (Abb.4). Mehrere Zacken bilden eine Funktionseinheit. So können durch Anspannung des mittleren Drittels des Muskels die 4. und 5. Rippe und durch Anspannung des unteren Drittels des Muskels die 6. und 7. Rippe in der Position verändert werden und so eine Anpassung an die wechselnde Belastung erfolgen.

Beim unteren BWS-Syndrom kommt es zu einer Störung des muskulären Gleichgewichtes der   Muskelschlingen. Sind die Rückenmuskeln nicht stark genug, so muss der Gegenspieler der Muskeln, der M. serratus anterior, vermehrt zur Stützung eingesetzt werden. Dieser Muskel weist einen unteren und einen mittleren Funktionsbereich auf. Da so unterschiedliche Rippen in ihrer Position verändert werden, kommt es zu den beiden unterschiedlichen Symptomenkomplexen.

Doch wie kommt die Vorwölbung des Oberbauches zustande?

Bei der vermehrten Kontraktion des Serratusmuskels wird die Position des Schulterblattes verändert. Es wird etwas verdreht und nach vorn gezogen.

 

Abb.5 Drehung des Schulterblattes durch die Kontraktion des Serratusmuskels

Diese Verdrehung hat Auswirkungen auf den unteren Abschnitt des Serratusmuskels.

Abb. 6 Sehnenlänge der Muskelzacken

Die Muskelzacken dieses Abschnitts setzen an der 6. und 7. Rippe an. Die Sehnen sind deutlich länger als die der anderen Muskelzacken (Abb.6). Die Verdrehung des Schulterblattes wirkt daher im Sinne einer Hebelung der Rippen nach oben und vorn, sodass der Rippenbogen deformiert erscheint.

Abb.7 Muskelabschnitte des Serratusmuskels

Da der große Bauchmuskel (M. rectus abdominis) an der gleichen Stelle des Rippenbogens ansetzt, wird die Veränderung des Rippenbogens als Vorwölbung des Bauches sichtbar (Abb.7). Hinzu kommt eine Besonderheit in der nervalen Steuerung der Muskulatur.

Bei einer linksseitigen Veränderung des Rippenbogens muss sich der Magen den Veränderungen anpassen, sodass Funktionsstörungen auftreten können.

Beim Bestehen von Refluxzeichen, die durch den Gastroenterologen nicht abgeklärt werden können, sollte man an diesen Mechanismus denken, zumal man Abhilfe schaffen kann. Ein vorgewölbter Rippenbogen bildet einen Hinweis für diesen Mechanismus, eine starke Druckschmerzhaftigkeit des Rippenbogens in Höhe der 6. und 7. Rippe erhärtet den Verdacht. Durch Dauerkontraktion des mittleren Muskelabschnitts wird die 4.Rippe an die 5.Rippe herangezogen, sodass die Brustkorb-Beweglichkeit eingeschränkt wird. Das wirkt sich als Hindernis für die Brustkorbdehnung aus und kann die Einatmung beeinträchtigen aber auch ein Beklemmungsgefühl verursachen (Gürtelgefühl). In einigen Fällen wird eine Schnürfurche unterhalb der Brustwarze erkennbar.

Während diese Störungen, wie Schmerzen hinter dem Brustbein eine zeitlich begrenzte Wirkung aufweisen, ist die Formveränderung des Oberbauches permanent vorhanden.

Wenn durch einen Gastroenterologen keine Ursache dafür gefunden wurde, müsste man auch an eine wirbelsäulenbedingte Störung denken. Der vorgewölbte Oberbauch und ein Schmerz im Bereich des linken Rippenbogens stellen einen Hinweis dafür dar.

Behandlung

Die Störung der Einatmung und die Herzbeschwerden sind temporärer Art und können anfangs durch Veränderung der Körperhaltung etwas  beeinflusst werden. Die Vorwölbung des Bauches zeigt eine zunehmende  Tendenz. Eine physiotherapeutische Behandlung ist problematisch, da es zu diesem Zeitpunkt nicht um die Stärkung der Muskulatur, sondern um die Dysbalance geht, sodass trotz allen Feingefühls des Physiotherapeuten eine Verschlechterung droht. Bei der Behandlung spielen sowohl gesundheitliche als auch kosmetische Aspekte eine Rolle. Nach unseren Erfahrungen ist nur eine mikroinvasive Behandlung der Muskelzacken und der großen  Rückenmuskulatur erfolgversprechend. Im Mittelpunkt steht jedoch die mikroinvasive Behandlung der Wirbelsäulenschädigung, die neben der Behandlung der muskulären Störungen (paravertebralen) auch die Ursache der Störungen der Brustwirbelsäule einbezieht. Die Behandlung muss in zwei Schritten erfolgen.

Als erstes müssen die Störungen der Nervenäste im Wirbelsäulenbereich behoben werden, dann erfolgt die Beseitigung der Störungen, die in den Muskeln entstanden sind. Beide Eingriffe lassen sich heutzutage mit mikroinvasiven Verfahren unter Bildschirmsicht ohne Schwierigkeiten und ohne Schnitt durchführen.

Was heißt mikroinvasiv?

Das heißt, die Ursache der Schädigung millimetergenau zu erfassen und zu lokalisieren, ohne dass zusätzliches Gewebe geschädigt wird. Der Eingriff erfolgt unter Bildschirmsicht und wird ohne Schnitt vorgenommen. Aufgrund der hohen Präzision des Eingriffs wird so mit minimalem Risiko gearbeitet.

Bei der Behandlung spielen sowohl gesundheitliche als auch kosmetische Aspekte eine Rolle. Es ist schon manchmal erstaunlich zu sehen, was für schöne Bauchkonturen durch die Behandlung wieder sichtbar werden. Das ist besonders der Fall, wenn wir zusätzlich den M. serratus posterior reaktivieren.

 

Abb.9 Vorgewölbter Oberbauch Abb.10 Ästhetisch geformter Oberbauch

Da es sich um eine muskuläre Straffung handelt, ist der Effekt lang anhaltend.

 
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